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NADESHDA LEONTEWA - PORTRAIT EINER PROBLEMKOMPONISTIN (PART ONE) von Thorsten Zirkwitz Wohl jeder Schachspieler kennt die Anekdote, die sich um den "Miss-Menchik-Club" rankt - ein Verein, der in den dreißiger Jahren von humorigen Schachmeistern gegründet wurde. Mitglied wurde jeder, der in einem Turnier gegen die damalige tschechische Weltmeisterin Vera Mechnik verlor! Heute können immer weniger Schachspieler über diese Anekdote schmunzeln: Partien, in denen renommierte Großmeister gegen die neuen Schachamazonen den kürzeren ziehen, sind keine Seltenheit mehr. Ja, will man heutigen Berichten Glauben schenken, dann wird es nicht mehr lange dauern, bis die erste Königin den Schachthron besteigt. Weltmeister Kasparow ist jedenfalls gewarnt. Wie aber ist es um die Frauen in der Problemschachszene bestellt? Schaut man in die Anthologien, die Alben und Fachzeitschriften, so scheint die Welt der Schachkomposition fest in der Hand des männlichen Geschlechts zu sein. Doch ein Blick hinter die Kulissen zeigt ein differenzierteres Bild. Immer gab es Frauen, die in ihrer Zeit großen Einfluß auf das Problemschach hatten und noch haben. Edith Baird und Odette Vollenweider seien hier stellvertretend für die vielen anderen Komponistinnen genannt. Unlängst konnten wir uns über eine Publikation der jungen Aserbaidschanerin Suleicha Eiwasowa freuen; der Titel ihres Buches ist beredt: es geht um die "Königinnen der Schachkomposition". Unter den zahlreichen Portraits weiblicher Komponistinnen aus aller Welt von gestern und heute findet man auch das Portrait der ukrainischen Problemkomponistin Nadeshda Leontewa. Sie zählt zu den besten Komponistinnen der Sowjetunion, ja vielleicht sogar der Welt. Besonders auf dem Gebiet des orthodoxen Dreizügers ist ihre Klasse unerreicht. Mit einer kleinen Zusammenstellung ihrer Probleme aus den verschiedensten Bereichen möchte ich einen Einblick in das Werk dieser herausragenden Problemkomponistin geben. Wenn durch diesen Aufsatz einige Vorurteile über Frauen im Problemschach revidiert werden, wenn der von Qualität etwas verwöhnte Schwalbe-Leser der einen oder anderen Aufgabe ein anerkennendes Kopfnicken zuteil werden läßt, dann ist der Zweck dieses Artikels erfüllt. Vorab jedoch noch einige Informationen über Nadeshda Leontewas problemschachlichen Werdegang. Nadeshda Leontewas Problemschachkarriere begann verhältnismäßig spät: 1962 - im Alter von 34 Jahren - begann sie sich für diese hohe Kunst zu interessieren. Sie studierte die einschlägige Fachliteratur, nahm an den Löserwettbewerben der Schachzeitschriften teil und begann schließlich zwei Jahre später eigene Aufgaben zu publizieren. Der Erfolg stellte sich schnell ein: Innerhalb von zwei Jahren veröffentlichte sie 20 Aufgaben, von denen immerhin sieben ausgezeichnet wurden. Laut W.M. Artschakow publizierte Nadeshda Leontewa insgesamt mehr als 250 Aufgaben, die zahlreiche Auszeichnungen - darunter 45 Preise - errangen. Eine wahrhaft stolze Bilanz! Nadeshda Leontewa ist Meisterkandidatin des Sports der UdSSR. Bis zu seinem Tode am 20. Dezember 1988 war Rafael Kofman ihr Trainer und Mentor. Soviel zu ihrer Problemschachbiographie. Unternehmen Sie nun mit mir einen Streifzug durch das Schaffen einer Meisterin ihres Fachs. Überzeugen Sie sich von dem Können und dem Einfallsreichtum der Problemkomponistin Nadeshda Leontewa.
Problem B ist eine Gemeinschaftsproduktion Leontewas mit dem rumänischen Komponisten Anatole Janowtschik. 1.Sd8! (2.Sf7#) löst zwei Systeme fortgesetzter Verteidigung der schwarzen Springer aus: 1... Sb~/Sd4+ 2.c4/cd4:# sowie 1... Sf~/Se4 2.f6/Sg4#. Die Geschlossenheit der Abspiele wird durch die Matts der weißen Bauernbatterien erreicht. Schön wäre es natürlich, wenn nach 1... Se4 auch ein Bauernmatt folgen würde. Die Verführung 1.Sc5? (2.Sc,fd3#) scheitert übrigens an 1... Lb1! Im Jahre 1983 wurde von der sowjetischen Schachzeitschrift "64 - schachmatnoje obosrenije" (Schachrundschau) zum ersten Mal ein Zweizügerturnier für Frauen organisiert. Die Veranstaltung war ein voller Erfolg: es beteiligten sich 20 Autorinnen mit 38 Aufgaben! Großen Anteil am Zustandekommen des Turniers hatte der Problemredakteur und zur Zeit wohl erfolgreichste Komponist der UdSSR, J.G. Wladimirow (dessen Name übrigens auf der zweiten Silbe betont wird und nicht - wie ich es oft höre - auf der dritten). Das Turnier war dem Internationalen Frauentag gewidmet, der alljährlich am 8. März begangen wird (Haben Sie's gewußt?!). Kuriose Randbemerkung: Die Turnierausschreibung war mit den Worten "Habt Mut, Freundinnen!" übertitelt. Aber nun zu der Aufgabe (Diagramm C): Der überraschende Schlüsselzug 1.Dh1! (2.Dh8#) gibt die scheinbar dominierende Halbfesselung der beiden schwarzen Springer auf. Schwarz blockt nun mit den vier Springerzügen 1... Sc4/Sd3/Sd5/Se4 alle vier orthogonal adjazenten Felder des schwarzen Königs und ermöglicht so die Matts 2.Sc2:/Le3/Scb5/Le5#. Die Zweizügerkomponisten unter Ihnen werden sicherlich intuitiv die Originalität des dargestellten Mechanismus anzweifeln; daß diese Zweifel berechtigt sind, zeigen u.a. das Problem C1 und ein Zweizüger von C.P. Swindley/A. Lundström (Die Schwalbe, Heft Nr. 80, 4/83, S.64). Ich vermute, daß die Preisrichterin Suleicha Eiwasowa diese Aufgaben nicht gekannt hat; anderenfalls wäre ein erster Preis wohl ungerechtfertigt gewesen.
C1 ist die erste, mir bekannte Darstellung dieses Themas - zweifellos ein Klassiker. Elf Steine genügten dem großen T.R. Dawson zur Realisation dieses Motivs: 1.Tc6! (2.Lb2#) Se6/Sf5/Sd5/Se4 2.Ld6/Sg6/Sd7/f4#. | ||