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Thorsten Zirkwitz • My Problem
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WECHSELSEITIGE DREIFACHE BLOCKPUNKTE IM LOGISCH-ORTHODOXEN DREIZÜGER

von Thorsten Zirkwitz

in memoriam Siegfried Brehmer

Objekt2a1Vor nun fast 60 Jahren erschien in einer Zeitung des Ruhrgebiets ein Dreizüger von Siegfried Brehmer. Der damals zwanzigjährige Komponist fand einen perfekten Mechanismus zur Darstellung eines logischen dreifachen weißen und schwarzen Blockpunkts in Verbindung mit der Münchener Idee - ein Novum zu dieser Zeit und gemessen am Alter des Autors eine bemerkenswert reife Leistung. "Das Problem ging leider in nebenlösiger Fassung in die Problemliteratur ein (z.B. Nr. 1115 des Breuer-Buches). Da SB's Unterlagen im Krieg vernichtet wurden, teilte er die Stellung der Schwalbe 1949 (als Vorgänger zu einem schemagleichen Dreizüger von J. Buchwald, 1940) aus dem Gedächtnis mit. Dabei gerieten die Steine der b-Linie auf die a-Linie (sSa4), was zur NL 1.Lxe6 führte. Leider versäumte SB damals eine Korrektur, erst 1990 holte er sie nach und kam dabei wieder zu einer anderen Stellung: Bc5 nach a6 und Bb5 nun schwarz! Erst die Nachforschungen von Dr. Karl-Dieter Schulz in der Bonner Uni-Bibliothek förderten die verschollene, aber korrekte Erstfassung zu Tage." (Quelle: Siegfried Brehmer/Wieland Bruch: 100 & ein Schachproblem von Siegfried Brehmer. Edition FEE=NIX Band 5, Aachen 1996, S. 82.) Eine korrekte Fassung hätte gewiß Eingang in das retrospektivische FIDE-Album 1914-44 für Drei- und Mehrzüger - erschienen 1972 - gefunden (Brehmer ist dort im Anhang mit zwei Dreizügern vertreten).

Der hier gezeigte Mechanismus war so stimmig, daß in den folgenden Jahrzehnten drei andere Komponisten auf ihn stießen. Alle drei Darstellungen zeigen dasselbe Drohspiel bestehend aus einem Räumungsopfer des Deckungsspringers und nachfolgendem Matt des Probespielläufers. Die Verteidigungen führen zum potentiellen Deckungsverlust des noch vom Springer überdeckten Feldes (Schlüssel 1a)1.g3 - 1b)1.Lf5 - 1c)1.Lc5). An die wunderschöne stille Drohung des Brehmerschen Originals hatte keiner der drei Komponisten gedacht.

Objekt2a1aObjekt2a1bObjekt2a1c

Die bekannteste der drei Nachahmungen dürfte die schon oben erwähnte 1a von Julius Buchwald sein, die jedoch mit 1.T:c6 nebenlösig ist. {Anmerkung: Unverständlicherweise plagiierte Buchwald dieses Problem anläßlich des 73. Thematurniers von Probleemblad 1948 (3. Pr.), in dem "Weiße Züge auf dasselbe Feld" verlangt wurden. Ich verzichte auf die Widergabe des Selbstplagiats, das zudem mehrfach nebenlösig war.} Es ist unwahrscheinlich, daß Buchwald (1909 -1970) von der Existenz des Brehmerschen Problems wußte. Auch Rudenko konnte seinerzeit nicht auf Problemschachliteratur zurückgreifen, in der entweder Brehmers Problem oder Buchwalds Version nachgedruckt wurden. Immerhin verzichtete er darauf, seine Version in der bahnbrechenden Monographie "Presledowanie temy" (Moskau 1983) zu zitieren. Er bespricht vielmehr Buchwalds Aufgabe im problemtheoretischen ersten Teil des Buches. Man kann nur spekulieren, warum Rudenkos Darstellung ins FIDE-Album 1959-61 gelangte, das 1966 erschien. Die zuständigen Richter Matthews - Dombrowskis - Drese (Direktor: Cor Goldschmeding) kannten Brehmers Darstellung sicher nicht (wenn doch, hätten sie argumentieren können, daß die inkorrekte Aufgabe - so wie sie 1949 in der Schwalbe nachgedruckt wurde - als nicht existent anzusehen ist). Buchwalds Aufgabe wurde wohl erst mit Erscheinen des "Retro"-Albums 1914-44 im Jahre 1972 bekannt. Und Matthews - als Kenner der angelsächsischen Problemszene - begann erst Anfang der vierziger Jahre ernsthaft zu komponieren.

Gänzlich unverständlich ist jedoch "der Fall Dimitrow". {Anmerkung: In seiner Version scheitert übrigens die thematische Probe 1.Se7? neben 1.- T:g4 auch an 1.- c5!} Vielleicht mag man dem Bulgaren eine gewisse Vorgängerblindheit zugestehen. Was aber bewog die erfahrenen Auswahlrichter (Goldschmeding - Chicco - Chlubna, Direktor: Nikolai Dimitrow) des FIDE-Albums 1977-79, seine Aufgabe zu berücksichtigen? Gerade Goldschmeding hätte zumindest in Kenntnis der Rudenko-Aufgabe - er war seinerzeit Auswahldirektor - Dimitrows Kopie disqualifizieren müssen.

Objekt2a1dEs gab jedoch auch Versuche anderer Komponisten, das Thema des wechselseitigen dreifachen Blockpunkts zu realisieren. Diagramme 2, 3 und 4 sind die einzigen mir bekannten Beispiele. {Anmerkung: Im weiteren Sinne würden auch Dreizüger mit dreifachen logisch begründeten weißen und schwarzen Umwandlungen auf einem Feld dem Thema dieses Aufsatzes genügen (bzw. die wechselseitige Verbindung von Umwandlungen mit einem konventionellen Blockpunkt), mir ist jedoch kein Beispiel bekannt. Von Caillaud gibt es eine vierzügige Darstellung (Seneca MT 1980, 3. Pr., FIDE-Album 80-82, Nr. 462), die jedoch ohne Probespiele auskommt. Dazu kommen die bisher bekannten Babson-Tasks, die sich einer logischen, geschweige denn dreizügigen Realisation entziehen.} Problem 2 des Tschechen Lacny wurde im Anhang des Albums 1914-44/II nachgedruckt. BREUER kommentiert in seiner "Ideengeschichte des Problemschachs" (Nr. 1183): "Hier steht nur dem äußeren Schein nach ein schwarzer Blockpunkt einem weißen gegenüber (Pseudo-Blockpunkt)". Sein Urteil fußt wohl zum einem auf den nur unvollständigen Widerlegungsreigen der weißen Probespielzüge (1.- L:c3 pariert doppelt); zum anderen kommt es nach 1.Tc6/Sc6 zur zweifachen Selbstschädigung: Die anderen Proben werden durch Selbstblocks, aber auch durch die Fluchtfelder f8 und g6 unmöglich gemacht. Bei allen anderen Beispielen ist die Schädigung zweckrein. Sehr lebendig wirken hier Opferschlüssel und -drohzug. Die Nebenvariante 1.Lb5 a:b5 2.S:b5 3.Sd6# fügt sich gut in das freie Geschehen ein.

Aufgabe 3 des kaum bekannten Russen ähnelt in gewisser Weise dem Brehmerschen Mechanismus. Immerhin verlagerte er den weißen Blockpunkt auf ein dem schwarzen König entferntes Feld. Nach 1.Lf7? pariert nicht etwa auch 1.- Td3 mit der dualistischen Folge 2.S:g4, Sf5. Preisrichter W. Karpow: "[das Problem] von W. Gladkich habe ich ganz außer Acht gelassen, da hier der erste Zug bei einem flüchtigen Blick auf die Stellung sofort klar ist." Hinzu kommt, daß der Lg1 im weiteren Verlauf nachtwächtert.

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Die Anfängerarbeit 4 ist insofern interessant, als hier eine von den bisher gezeigten Beispielen differente Verzahnung des weißen und schwarzen Blockpunkts gefunden wurde. Die Kurzdrohung ist schwach, die wD hat kein thematisches Gewicht. Natürlich kannte der Autor damals nicht die einschlägigen Vorarbeiten.

Objekt2a1gDer Artikel begann mit einem erstklassigen Problem und soll auch mit einem Spitzenstück enden. Dem weißrussisch/ukrainischen Duo gelang mit Aufgabe 5 zum ersten Mal die Darstellung des vierfachen Blockpunkts bei Weiß und Schwarz! Ausgezeichnet wurde das Rekordproblem beim "Festival Odessa", in etwa das "russisch-orthodoxe" Pendant der hiesigen Andernach-Tage. Die Begründungen der Widerlegungen und Fortsetzungen im zweiten Zug lohnen eine genaue Analyse. Andrej Lobussow versagte als einziger FIDE-Richter der Aufgabe die Höchstpunktzahl. Ich wette, ihn störte das - zugegeben grobe - Schlagen des sSe6. Es gibt wohl keinen anderen korrekten Weg, der wD den Zugang zum Feld e6 zu ermöglichen.

Der Aufsatz verfolgt zwei Ziele. Zum einen geht es dem Autor um eine endlich festgeschriebene Klärung der eigentlich nur unter Experten kursierenden Hintergründe des Brehmerschen Klassikers und seinen in den FIDE-Alben zitierten Reproduktionen. Zum anderen sollen durch die gezeigten Beispiele Komponisten angeregt werden, nach weiteren Mechanismen des wechselseitigen dreifachen Blockpunkts zu suchen. Als Ausgangspunkte mögen Probleme 2, 3 und 4 dienen, die sicherlich noch ausbaufähig sind (denkbar wäre die durchgängige Einarbeitung schwarzer Ersatzverteidigungen im zweiten Zug, wie z.B. in der Variante 1.- L:g3 2.L:e6 Sd4 3.Ld5# des Brehmerschen Originals). Ferner harrt der in der letzten Anmerkung erwähnte Umwandlungsmechanismus noch der Darstellung.

Mein Dank gilt Wieland Bruch, der mich mit wertvollen Hintergrundinformationen zu Brehmers Problem versorgte und mir erlaubte, aus dem erst kürzlich erschienen Brehmer-Buch zu zitieren. Man kann die Sammlung ausgewählter Aufgaben des Potsdamer Komponisten nur empfehlen, hatte er doch mit seinen Werken einen nicht unerheblichen Anteil an einem spannenden Kapitel der Problemgeschichte.

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