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| Langformen
"Wenn eine unter einem Tisch versteckte Bombe, an dem mehrere Leute frühstücken, plötzlich explodiert, ist dies ein Schreck und unterhält 20 Sekunden lang. Wenn der Zuschauer die Lunte jedoch lange brennen sieht und die Figuren nichts davon ahnen, fesselt dies fünf oder zehn Minuten." Alfred Hitchcock, Interview zu der Frage der Konstruktion seiner filmischen Spannungsbögen [1] I. Langformen im Improvisationstheater Der folgende Aufsatz beschäftigt sich mit Langformen im Improsivationstheater, ihren Charakteristiken, stellt kurz wichtige in den letzten Jahren entstandende, bisherige und neue Formate in einer Auswahl vor und befaßt sich mit Herausforderungen sowie Gefahren dieser Theaterspielform vor Publikum aus der Sicht der Spielenden. I.1. Definition Langformen bieten abseits der Jagd nach dem schnellen Gag und dem spektakulären Effekt oder Showdown, der sich in Reihe vor allem infolge der Durchführung von Kurzformen durch rasche Abwechslung fast automatisch ergibt, die Möglichkeit zu komplexerem und ruhigerem Theaterspiel, dem Ausspielen von Charakteren sowie Entwicklungen und Fortschritten. Langformen suchen nicht, um beim Eingangszitat zu bleiben, die vordergründige Explosion, sondern vor allem die Beobachtung der Lunte. [2] Langformate im Impro sind grundsätzlich einmal Spielformen, die von ihrer Dauer her im Gegensatz zu den Kurzformen stehen und daher über eine bestimmte länger anhaltende Zeitdauer gespielt werden. Sie bewegen sich meist in beliebigen Zeitfenstern zwischen 10 und 120 Minuten. Jene chronologische Qualität ist der kleinste gemeinsame Nenner aller Langformen. Außerdem geben Langformen stets eine gewisse wie auch immer geartete Klammer oder Rahmenhandlung vor, anhand derer sich die Form des Abends orientiert und einen "roten Faden" findet. I.2. Herausforderungen und Gefahren Der Reiz an Langformen liegt zweifellos darin, dem Publikum "Geschichten in der Geschichte" zu präsentieren und trotzdem den Handlungsstrang anhand eines übergeordneten Aspektes zu verfolgen. Für das Publikum besteht die Spannung vor allem darin, einen Einblick in eine Metamorphose zu nehmen, die im gewöhnlichen Leben nicht in diesem Maße zeitraffend dargestellt werden kann. Dazu zählen Perspektiv-, Erkenntnis-,Schauplatz- und Zeitwechsel. Langformen "schrumpfen" wirkliche Vorgänge auf einen Abend oder eine gewisse Zeitspanne zusammen, sie wirken minimierend und maximierend zugleich. Die Faszination der Langform ergibt sich also dadurch, daß sich im realen Leben nicht oder nur schlecht überblickbare Zusammenhänge - wie in der Dramaturgie eines Filmes oder Theaterstückes - in eine stringente Beziehung zueinander setzen lassen. Darin liegt ihre große Chance, aber auch ihre Gefahr für die Schauspieler. Denn sie sind über die jeweilige Geschichte und über ein gewöhnliches Kurzformformat hinaus gezwungen, auch immer an die Metaebene der Handlung denken zu müssen. Fernerhin muß sich ein Ensemble auf der Bühne darüber im Klaren sein, daß es Protagonisten und Antagonisten zu stellen hat. Diese müssen nicht nur, was relativ leicht zu bewerkstelligen ist, etabliert, sondern vor allem auch durchgehalten und entwickelt werden. Im Laufe des Spiels muß sich daher deutlich eine Hauptfigur herausschälen und ohne Absprache festgelegt werden. Der Protagonist muß sich zudem über seine ihm durch die Geschichte zugewiesene Hauptrolle während des Spielens zuerst ahnend und dann schließlich wissend im Klaren sein. Er sollte diese Aufgabe, die viel Einfühlungsvermögen, Einsatzfreude und Kraft benötigt, möglichst mit Freude und nicht mit Bedrückung ("Oh nein, mir scheint, ich bin jetzt Protagonist geworden!") übernehmen. Zugleich müssen sich auch seine Mitspieler über ihre Nebenrollen im Klaren sein. Ihre Aufgabe ist in jeder Hinsicht und Fortführung des Handlungsstranges und die Unterstützung des Protagonisten und der Hauptidee. In der Nichtwahrnehmung dieser Gegenenheiten liegen die Gefahren der Langformate, in der Wahrnehmung ihrer Herausforderung und ihr Erfolgskonzept. I.3. Aufgabenteilung der Spielenden Langformen erfordern anders als bei den Kurzformen auf einen längeren Zeitraum festgelegte und daher nur teils modifizierbare Termini (wenn die Szene in Alaska spielt, kann sie nicht in den Tropen spielen), die eingehalten werden müssen, um den roten Faden nicht zu gefährden. Sie erfordern, daß sich die Spielenden nicht verzetteln, im Rahmen des jeweiligen "circles of possibilities" bleiben, ruhig und nicht getrieben auf der Bühne agieren können und sie erfordern das Bewußtsein, daß man sich im Ensemble aufeinander verlassen kann. Szenenabschnitte, in denen die Entwicklung der Geschichte durch ein Über- oder Untermaß von "Extend / Breiter" oder "Advance / Weiter" aus dem Rahmen zu fallen und der Spannungsbogen (suspense) zu kippen droht, müssen durch die Wachheit der Spielenden abgefangen werden. Daran müssen sowohl die in den einzelnen szenischen (meist durch Abklatschen voneinander geteilten) Abschnitten gerade Spielenden als auch die passiven nur fokusgebenden Mitspielenden denken. Rechtzeitiges Hineinklatschen ist hier ein absolutes Erfordernis, um die gerade Spielenden zu entlasten und die Geschichte in ihren Handlungsstrang "zurückzubringen". Die Beherrschung allgemeiner Spielkunst mit den Erfordernissen des Augenblicks müssen gemeinsam mit der übergeordneten gleichsam metaphysichen Ebene der Langformidee kombiniert werden. Als Möglichkeit zur Verhinderung des "Kippens" von Szenen oder Geschichten kann es anfangs auch eine Hilfe sein, einen Regisseur mit einzubauen. Dafür wird ein Spielender den ganzen Abend über allein mit der Aufgabe der Überwachung der Geschichte, der Einhaltung der zusammenfassenden Grundidee sowie der Ausgewogenheit von "Weiter / Breiter" beauftragt und ihm werden dafür gewisse Vollmachten verliehen, die ihn notfalls zum Eingreifen berechtigen (Beispiel bei einem Steckenbleiben in zuviel "Extend": "Welche Hürden mußte Wolfgang noch nehmen, um den Schatz zu finden?") I.4. Charakteristiken von Langformen Die bisherigen Langformen kann man in mindestens drei verschiedene Gruppen mit je unterschiedlichen Charakteristika einteilen. Diese Unterteilung ist allerdings nur als Vorschlag zu betrachten und zweifelsohne können die Übergänge zwischen einzelnen Formaten durchaus fließend gestaltet werden. Dennoch hilft der Versuch einer Kategorisierung die Verdeutlichung der den jeweiligen Formaten innewohnenden Richtlinien und Prinzipien herauszuarbeiten. Zu unterscheiden sind demnach: Geographische, thematische und dramaturgische Hauptbezüge. Geographische Langformen spielen an einer Lokalität oder an mehrenen bestimmten Orten, die als Rahmen für die Langform gelten und unveränderlich sind. Die Geschichten selbst sind dann frei erzähl- und spielbar, wenn sie sich nur an diese örtlichen Gegebenheiten halten oder sich aus ihnen entwickeln lassen, zum Beispiel:
Vor allem das jährliche in Halle an der Saale stattfindende Theaterfestival Impronale hat es sich seit 2003 zur Aufgabe gemacht, neue Langformen zu präsentieren und einen Wettbewerb unter internationalen Gruppen zur Vorstellung neuer Formate und Formatvariationen abzuhalten. Auch der Szenenexpreß beteiligt sich an der Ideenfindung mit folgenden eigenoriginären Formaten. In allen diesen folgenden Formaten ist der Einbau von temporären Kurzformen und von Musik realisierbar. 2.1. Die Münze (thematische Langform) Das Format beschäftigt sich mit der Verfolgung der Geschichte einer Münze von der Prägung bis zu einem Zeitpunkt X (Finale kann in der materiellen Zerstörung münden) und nimmt einen alltäglichen Gegenstand zum Rahmen und Inhalt. Die Münze als realer Gegenstand wird in die Kurzspielformen einbezogen und "wandert" von Besitzer zu Besitzer, die sie jeweils im Tausch gegen Dienstleitungen und Waren oder auf anderem Wege (Verlust, Schenkung, Diebstahl) verlieren, erhalten, einnehmen oder abgeben. Das Publikum kann durch AskFors vielfach eingebunden werden, wenn es in einzelnen Szenen nach unterschiedlichen Inhalten (Gegenstände, Orte, Gefühle, Berufe, Zeiten, Filmtitel) befragt wird. 2.2. Die Wunderlampe (dramaturgische Langform) Das Format gründet sich auf dem menschlich vielfach vorhandenen Wunsch anders zu sein als man gerade ist, an den oft empfundenen Differenzen zwischen Realität und Phantasie. In zwei Teilen wird daher ein sich wandelnder Protagonist gezeigt, zuerst in seiner Routine, wie er an bestimmen Herausforderungen immer wieder scheitert. In einem zweiten Teil erhält er durch das Auffinden einer zauberischen Wunderlampe die Möglichkeit, sich wie Aladin aus "Tausenundeiner Nacht" etwas zu wünschen. Diese Wünsche sollten sich auf innere Vorgänge beziehen (Anerkennung, Geliebtwerden, Selbstbewußtsein) und werden im zweiten Darstellungsteil verwirklicht. 2.3. Die Weltreise (geographische Langform) Darstellung einer virtuellen Weltreise. Das Publikum wird am Anfang gebeten, auf einer großen Weltkarte eine Reiseroute einzutragen und besondere Orte oder Länder zu markieren. Am besten Orte, an denen die betreffenden Personen bereits gewesen sind. Hier äußern die ehemaligen Reisenden auch das, was sie dort besonders fasziniert hat. Anhand der Reiseroute wird der Abend bespielt. Erfordert von den Spielern länderkundliche Kenntnisse oder zumindest die Fähigkeit zum Einfühlen in die Seele eines Landes. 2.4. Die Zeitreise (dramaturgische Langform) Anhand eines Laptops, der den Abend über eingeschaltet bleibt und auf dessen Bildschirm eine Jahreszeitabfolge mit Einjahrsschritten abläuft, die durch einstellbare Intervalle am geplanten Zeitende der abendlichen Vorstellung bei "2008" angekommen ist, werden freie historische Szenen ohne übergeordneten Handlungsrahmen gespielt. AskFors können trotzdem vom Publikum für jede Szene eingeholt werden. Nach Ende jeder Szene wird der heruntergeklappte Bildschirm aufgeklappt und die dort gerade stehende Jahreszahl wird als neuer Input benutzt. 2.5. Hans im Glück (dramaturgische Langform) Nach dem Sinngehalt des gleichnamigen Märchens tauscht ein Protagonist einen materiell wertvoll, aber in gewisser Weise auch belastenden Gegenstand immer weiter ein, bis er nichts mehr besitzt, aber glücklicher wird als zuvor. Das Publikum begleitet den Protagonisten auf seiner schrittweise dargestellten inneren Entwicklung und Läuterung durch verschiedene Szenen. 2.6. Die Raststätte (thematische Langform) Eine zweifellos automobilistische Langform. Einen Tag lang oder einige Stunden lang wird das Geschehen auf der Raststätte einer großen Autobahn beobachtet und auf eine Langformzeit zusammengeschrumpft. Das Kommen und gehen der Menschen und ihrer Geschichten, die sich aus Konflikten oder Begegnungen ergeben, die am Essenstisch ausgefochten werden, lassen Einblicke in unterschiedlichste Beziehungsgeflechte zu. Das forma tist auch dnekbar mit anderen Stätten, an denen viele Menschen zusammenkommen, z.B. in Geschäften oder an bekannten Sehenswürdigkeiten. 3. Resumée Langformen stellen einen anspruchsvollen schauspielerischen Inhalt im Improvisationstheater dar und können wesentlich zur Vielfalt bisher eingeübter Vorstellungen sowie zur Abwechselung des Improbühnenalltags benutzt werden. Dabei gilt es immer die Ansprüche von Publikum und Schauspielenden in Einklang zu bringen. Langformen erfordern zwar nicht mehr oder nicht weniger Aufmerksamkeit als Kurzformen, sind aber komplexer und benötigen mehr Übersicht und übergeordnetes Denken im Sinne der der Form zugrundeliegenden und festgelegten Hauptidee oder Struktur. Prinzipiell aber liegen den Langformen auch die Charakteristika des Improtheaters zugrunde, vor allem die Fähigkeit, im gemeinsamen sich gegenseitig stützenden Zusammenwirken aller Bühnenakteure und Impulsgeber (Lichtmacher, Schauspielende, Musiker, Publikum) Geschichten zu entwickeln und zu erzählen. Größer ist allerdings die Verantwortung der Akteure. Derzeit nicht spielende Akteure sind in der gleichen Verantwortung die Geschichte weiterzuspinnen wie die Spielenden. Insgesamt besehen sind Langformen für Ensembles des Improvisationstheaters mit einigen Jahren Theatererfahrung geeignete Herausforderungen an die schauspielerische Qualität und deren Verbesserung. Vor allem aber sollten Langformen die eigene Spielfreude erhöhen und als experimentelle Herausforderung begriffen werden, die man möglichst nicht unter Druck, sondern aus Spaß an der Freude durchführt. Nur dann können sie zum Erfolg führen, denn "Bin ich inspiriert, geht alles gut, doch versuche ich es richtig zu machen, gibt es ein Desaster!" [5] © Claus Heinrich Bill (Improtheater Szenenexpreß Kiel) 4. Annotationen: [1] = Nach der Definition bei Wikipedia,
Stichwort Suspense (engl. für „Gespanntheit“), " ist ein Begriff aus
den Kulturwissenschaften, der ein Gefühl der Spannung bei Zuschauern
oder Lesern kennzeichnet. Er leitet sich von lat. suspendere ab: -in Unsicherheit
schweben- hinsichtlich eines bestimmten Eintreffens. Dadurch wird ein Spannungsbogen
im Ablauf erzeugt."
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| © Ablichtungen: T. Wels (Kiel) | Texte: C. Bill (Kiel) |