Juli 1995

Valparaíso, 02.07.1995

Als wir nach 5 langen Wochen an der Tür des Residencial Geminis II klingelte, brachen die drei alten Damen vor Freude in Geschrei aus, als sie öffneten. "Schaut, sie sind wieder da!" Die drei Schwestern hatten so herrlich piepsige Stimmen und erinnerten mich ein wenig an die zwei Tanten in "Arsen und Spitzenhäubchen". Die Fahrräder lebten noch und hatten sogar ein eigenes Zimmer bekommen, daß einzige, daß in dieser Unterkunft abschließbar war. Mein armes Fahrrad hatte sich jedoch einen Platten zugezogen.

Glücklicherweise war unser altes Zimmer belegt, so daß wir ein helles Zimmer zur Straße hinaus bekamen. Nachdem wir einen Monat im lärmenden Santiago zugebracht hatten, kam uns der Straßenverkehr in Valparaíso himmlisch ruhig vor. Auch die Luft kam mir hier in Valparaíso plötzlich so frisch und sauber vor im Gegensatz zu Santiago, wo man an manchen Tagen vor lauter Abgasen nicht einmal von einem Ende des Plaza de Armas zum anderen schauen konnte, ohne durch eine Nebelwand blicken zu müssen.

La Ligua, 04.07.1995

Schlafmütze

Es war kühl geworden in Chile, obwohl es in Chile im Winter mild ist im Vergleich z.B. zu Deutschland. Trotzdem fror ich leicht und so beschlossen wir, so schnell wie möglich einige Breitengrade weiter in den Norden zu kommen. Ich fuhr deshalb erst mal mit den Bus nach La Ligua, während Michael die Strecke per Rad zurücklegte. Er fuhr deshalb bereits um 8:00 Uhr in Valparaíso los und gab mir den Auftrag, irgendwo ein paar Gaspatronen ausfindig zu machen, und das war nicht einfach.

Bevor ich das Residencial verließ, überreichte ich den drei alten Damen zum Abschied eine teure Flasche chilenischen Rotwein, als Dank dafür, daß sie auf unsere Fahrräder aufgepaßt hatten und so nett zu uns gewesen sind. Als ich endlich mein Fahrrad mit dem platten Reifen und den ausgeklinkten Bremsen (was ich erst auf der steilen Treppe merkte, als ich Bremsen wollte) zum Busterminal gebracht hatte, gab es keine weiteren Probleme mehr.

Pfütze nach Regennacht

Als ich in La Ligua ankam, wartete Michaelel schon auf mich und hatte auch schon ein Zimmer im Residencial Regina gemietet. La Ligua ist eine Stadt, die bekannt für ihre Süßigkeiten (Dulces de La Ligua) und für ihre Tejidos (Strickwaren) ist. Und wie wir so durch die Straßen der Stadt liefen, stand in jedem Haus eine Strickmaschine, die Tag und Nacht lief. Wir fragten uns, wer denn alles diese ganzen Pullover kaufen sollte.

Im Laufe des Abends fing es ganz schrecklich an zu stürmen, der Regen prasselte in Sturzbächen runter und ich war froh, bei so einem Wetter ein festes Dach über den Kopf zu haben. Wir hatten uns nur zu früh gefreut: in dem Häuschen wurde es dermaßen kalt, daß man seinen eigenen Atem sehen konnte. Meine Nase war ein Eiszapfen.

La Ligua

La Ligua, 05.07.1995

Es hatte die ganze Nacht geschüttet und es schüttete noch den ganzen Vormittag wie aus Kübeln, so daß selbst Michaelel keine Lust hatte, weiterzuradeln. Als der Regen gegen Mittag endlich aufhörte, trauten wir uns auf die Straße. Es war schrecklich kalt geworden, oben in den Anden war Neuschnee gefallen und ich wollte noch weiter in den Norden, bevor ich weiterradelte. Wir beschlossen, daß Michael alleine entlang der alten, stillgelegten Bahnlinie bis nach La Serena fährt und wir uns dort treffen, denn in La Serena fängt die Wüste an.

La Serena, 12.07.1995

Wir mußten zwangsweise einige Tage in La Serena verbringen, weil etwas mit Michaels Rad nicht Ordnung war. Ein paar Speichen waren gebrochen und Michael wollte sein Hinterrad mal wieder so richtig professionell einspeichen und zentrieren lassen. In einem Fahrradladen haben sie ihm dann aus unerfindlichen Gründen sein Kugellager auseinandergelegt und waren dabei so ungeschickt gewesen, daß alle Kügelchen herausgefallen waren. Während Michael noch mit dem einen Mechaniker diskutierte, was er denn da so triebe, haben seine findigen Kollegen das Rad in einen Schraubstock gespannt und die Schraube, die sie zum Auswechseln der Speiche öffnen sollten, noch fester gezurrt, während ein weiterer Handwerker auf seinem Reifen herumhämmerte. Die nächsten Tagen verbrachten wir damit, den Schaden aus eigener Kraft zu beheben.

Ich war froh, als es am nächsten Tag wieder losging mit der Tour.

Costa Arrayan, 13.07.1995

Willkommen in der Atacama

Mein erster Tag auf dem Fahrrad nach langer Pause begann vielversprechend: Die Sonne strahlte vom blauen Himmel. Ich mußte mich erst wieder daran gewöhnen, im dichten Straßenverkehr mit den vorbeidonnerten Lkws zu fahren. Meter um Meter wurde die Landschaft trockener, überall lag Sand, auf beiden Seiten neben der Straße gab es einen Streifen Sumpf mit jeder Menge Bäumchen, Büschen und Schilf, hinter dem Sumpf gab es ein Bahngleis und noch ein paar Meter davon fing die Wüste an, also keine 7 Meter von der Straße entfernt. Irgendwann hörte auch der Sumpf auf und es gab nur noch Sand und Steine.

Marion in Kakteenlandschaft bei La Serena

An einem Stein, der eine natürliche Tischform hatte, machten wir Rast, neben uns nur noch Sand. Wir fuhren noch ein paar Kilometer bergauf und suchten uns dann einen Platz zum Zelten. Hier konnte man sich nicht mehr im Unterholz verstecken, es gab nur noch wenig Vegetation. Michael fand einen geeigneten Platz, ein Stück von der Straße entfernt, voller Steine, Kakteen und Dornengebüsch, das Meer war in Sichtweite. Weil es noch so früh am Abend war, stellten wir das Zelt auf und verstauten unser Gepäck dort, weil es nach Regen aussah. Wir wanderten über eine Unmenge von Steinen hinweg einen halben Kilometer zum Strand.

Als wir dort ankamen, brach die Sonne aus den Wolken hervor, so als ob sie nur auf uns gewartet hätte und führte extra für uns einen wunderschönen Sonnenuntergang auf und setzte die unwirkliche Landschaft in ein mysteriöses Licht. Wir beeilten uns zum Zelt zurückzukommen, bevor es richtig dunkel wurde und wärmten uns später an einem kleinen Lagerfeuer auf.

Los Hornos, 14.07.1995

Die Sonne heizte am nächsten Morgen das Zelt auf, so daß man freiwillig aufstand, um keinen Hitzschlag zu bekommen. Ich packte mein Fahrrad und fuhr im Slalom um die vielen kleinen Kakteen, um nicht einen Dorn in meinen sowie schon mitgenommen Reifen zu bekommen. Die Straße führte einige Kilometer bergauf und dann ging es plötzlich wieder steil bergab bis zum Meer, so steil, daß ich schneller war als so mancher Laster, die sich im Schneckentempo den Berg nach unten quälten. Es machte Spaß die Brummer zu überholen. Ganz unten am Meer befand sich das Dorf "Los Hornos", ein staubiges Kaff aus Holzverschlägen mit einer Posada, so eine Art Rasthaus, in dem wir einkehrten.

Endlose Straße

Hinter Los Hornos ging es wieder hoch in die Berge, es kam ein gemeiner Anstieg, den Michael für die angekündigte "Cuesta Buenos Aires" hielt, den im TURISTEL hochgelobten Anstieg, eine Meisterleistung eines chilenischen Ingenieurs, der wohl noch nie Fahrrad gefahren ist. Es ging jedoch nur relativ kurz bergauf, so daß es wohl doch ein anderer Berg gewesen sein muß. Nach dem Anstieg fuhren wir zunächst einige Kilometer auf einer flach ansteigenden Ebene aus Sand und riesigen Kakteen, auf der der Wind pfiff und langsam erkannte man am Horizont die gefürchtete Cuesta Buenos Aires. Ein gewaltiger Berg mit unzählbaren Serpentinen türmte sich vor uns auf, 11 Kilometer Serpentinen, die Kehre nach jeweils 2-3 Kilometern. Es schien mir, als ob man Tage bräuchte, um mit den Fahrrad dort hinauf zu kommen. Da es bereits gegen 16:00 Uhr war, entschieden wir uns, den Berg am nächsten Tag in Angriff zu nehmen und schlugen unser Zelt inmitten mannshoher Kakteen mit bedrohlichen Dornen auf und wanderten durch diese famose Landschaft, um die skurrilsten Kakteen zu fotografieren.

La Silla, 15.07.1995
Hochebene bei den astronomischen Observatorien La Silla und Las Campanas

Wir stiegen zeitig aus den Federn, die Sonne schien und es war trotzdem nicht zu heiß für unser Vorhaben. Nachdem ich eine halbe Stunde in der Kakteenlandschaft nach meinen verlorenen Fahrradhandschuhen gesucht hatte und sie auf einem Kaktus fand, fuhren wir den Berg hoch. Da mittlerweile außer uns kaum noch jemand auf der Panamericana unterwegs war, wandten wir einen neuen Trick an: zwischen unseren Fahrrädern befestigten wir einen der Spanngummis, die sonst unser Gepäck festhielten. So hatten wir eine Art Tandem gebaut, und Michael konnte mich mit hochziehen, anstatt wie bisher immer bei bösen Anstiegen den Berg hochzufahren, zurückzurennen und dann auch noch mein Fahrrad hochzufahren. Die Schwierigkeit bestand darin, gemeinsam loszufahren und den Gummi gleichmäßig gespannt zu halten, weil er sich sonst löste oder, wenn der Abstand zu groß wurde, einfach wegpfitzte.

Hochebene von La Silla

Ich trat kräftig in die Pedalen und im ersten Gang ging es erstaunlich schnell den Berg hinauf. Vom Vortag tat mir noch etwas der Hintern weh, aber sonst lief alles problemlos, so daß wir nach knapp einer Stunde oben waren. Oben angekommen, ging es in rasanter Fahrt über eine Ebene, in der es nichts mehr gab außer Sand und in der es alle 5 bis 10 Jahre blühen sollte, allerdings nur nach regenreichen Wintern (el desierto florido). In dieser Einöde gab es doch tatsächlich eine Posada, in der wir einkehrten. Ich fühlte mich wie im Wilden Westen, wenn ich in so einer hölzernen Posada einkehrte und mein Fahrrad war mein Pferd, daß ich vor der Posada festband.

Wir sausten an einer Eisenmiene vorbei, "El Tofo", die angeblich eine der größten der Welt sein sollte und die in einer elendigen Einsamkeit gelegen war. Es wurde immer heißer, es ging wieder bergauf, wir kamen durch ein Dorf, das in keiner Karte und keinem Reiseführer erwähnt wurde und ab da an wurde es schrecklich steil. Ich trank viel Wasser und schluckte Mineraltabletten, weil ich das Gefühl hatte, völlig auszutrocknen. Wir hatten zwar Rückenwind, aber dermaßen stark, daß er mir ständig die Schirmmütze vom Kopf riß, wenn ein LKW an mir vorbeiraste. Michael nahm mich wieder ins Schlepp und wir fuhren bis zur Cuesta Pajonales, von der wir zunächst glaubten, es wäre ein Abstieg, so daß wir nachts im warmen Tal übernachten könnten und nicht in den kalten Bergen. Es war schon 16:30 Uhr, als wir das Schild passierten, das uns nun auch den offiziellen Beginn der Atacama ankündigte.

Wüstige Hochebene

Wir erkannten, daß es sich bei der Cuesta Pajonales doch um einen Anstieg handelte und kurz bevor ich in Panik geraten konnte, hielt ein LKW neben uns und fragte, ob er uns über diese Cuesta mitnehmen darf, weil sie zu schwer für Fahrradfahrer sei. Michael wollte sie jetzt natürlich erst recht nicht auslassen, so fuhr ich allein mit dem LKW-Fahrer über die Cuesta. Der Fahrer hieß Manuel und fuhr zweimal die Woche die Strecke Santiago - Antofagasta. Er schenkte mir 3 Orangen aus seinem Garten in Santiago und wollte einen Kurzsprachkurs in Deutsch bekommen. Oben angekommen, ließ er mich an einer Posada raus, die sich direkt gegenüber der astronomischen Observatorien von La Silla und Las Campanas befand, die man im Licht der untergehenden Sonne gut erkennen konnte. Noch ein wenig Andenglühen, dann, als die Sonne untergegangen war, wurde es schlagartig kalt. Ich zog mir sofort meinen Pullover, die Regenhose und die Windjacke an, aber der Wind war eisig und auf ca. 2000 m Höhe in der Wüste unter sternklarem Himmel war mir einfach schweinekalt. Tapfer wartete ich auf Michael, mittlerweile war es stockdunkel.

Ich machte mir Sorgen, weil jetzt doch wieder einige LKWs auf der Strecke unterwegs waren und weil die Straße so tiefe Schlaglöcher hatte und es keinen Seitenstreifen mehr gab. Ich starrte in die Dunkelheit, die grellen Scheinwerfer der Autos blendeten mich und ich hoffte auf das kleine Lichtchen eines Fahrrads dazwischen. Ich kam mir sehr einsam vor. Irgendwann sah ich ein eigenartiges kleines Licht, das immer wieder an und aus ging. Michael hielt seine Taschenlampe in der Hand und funzelte damit herum, weil das Licht an seinem Fahrrad nicht mehr funktionierte.

Wir setzten uns in die Posada und ich bestellte mir einen heißen Tee. Doch Tee vor dem Essen, daß entsprach nicht den chilenischen Sitten. So bekamen wir erst das Essen und das Bier und als ich die Bedienung noch mal auf den Tee ansprach, den ich trinken wollte, weil es mich so friert, wurde er trotzdem nicht serviert. Erst nach dem Essen gab es den Tee, doch da hatte ich mich schon aufgewärmt. Wir wollten warten, bis der Mond aufgegangen war, damit wir draußen unser Zelt aufschlagen konnten. Plötzlich kamen zwei europäisch wirkende Männer in die Posada, und wir dachten, es wäre ein Astronom mit seinem Assistenten, die sich ein Bier gönnen wollten. Aber die beiden zahlten etwas, bekamen Schlüssel und murmelten etwas von "Zimmer mit Frühstück", daß sie als österreicher entlarvte und uns sagte, daß man in dieser Posada übernachten könnte. Angesichts des rauhen Klimas in diesen eisigen Höhe war es eine gute Idee, in einem Zimmer zu übernachten. Ich deckte mich mit 4 Decken, dem Schlafsack und einer Wärmflasche zu und fand die Temperatur dann ziemlich angenehm.

Vallenar, 16.07.1995

Hotel am Ende der Welt

Irgendwann wurde es hell, die Sonne ging auf und die Hütte erwärmte sich langsam. Zu der Tür unseres Zimmer hinaus konnte man vom Bett aus La Silla sehen. Es bot sich ein toller Anblick, die Morgensonne, die Wüste mit ihrem rotbraunen Sand, die vielen Hügel der Anden und die weißen Tupfer, alles Observatorien, wie kleine Champignons sahen sie aus.

Bevor wir los konnten, mußte Michael noch seinen Platten flicken, den er sich am Abend vorher in irgendeinem Schlagloch zugezogen hatte. Er tauschte bei der Gelegenheit gleich seinem ganzen, sowieso schon arg in Mitleidenschaft gezogenen Hinterreifen gegen den Ersatzreifen aus, der die ganze Zeit an meinem Rad festgeknotet war, so daß ich endlich von diesem lästigen Ballast befreit war.

Reifenwechsel im Gegenlicht

Wir mußten nicht mal viel packen, weil beide Fahrräder vollbepackt im Zimmer Platz gefunden hatten und fuhren zeitig los, um die 70 Kilometer bis Vallenar zu schaffen. Zunächst ging es rasante 10 Kilometer bergab, dann wurde es hügelig. Nur noch Sand, sonst nicht, soweit das Auge reichte. Ich mußte mich ständig umziehen, erst war es heiß, dann kam ein kalter Wind, so daß ich meinen Pullover und die Windjacke anziehen mußte und trotz der Fahrradhandschuhe schrecklich an den Händen fror. Auch meine Knie froren, weil sich in meinen Leggins bereits große Löcher in der Höhe der Knie gebildet hatten. Es ging aber langsam schon wieder bergauf, stundenlang. Eine alte Eisenbahnlinie verlief neben der Straße, rechts sah man die mächtigen Anden, alles wirkte sehr rauh und ursprünglich.

Laut TURISTEL kam ein "Pässchen", in Wirklichkeit ging es eine Ewigkeit steil bergauf und das in einer sengenden Hitze. Als ich diesen Pass fast gemeistert hatte, sahen wir hinter einer Kurve dunkle Rauchwolken aufsteigen. Michael vermutete, hinter der Kurve befände sich wohl das Ende der Welt und alle Lkws würden da hinein stürzen. Nach der Kurve ging es endlich wieder bergab, und als wir das Gequalme passierten, konnten ich vor Rauch fast nichts mehr erkennen. Es biß in den Augen und in der Lunge und erst als wir direkt daneben standen, spürte ich die Hitze und erkannte, daß es sich um ein lichterloh brennendes Auto handelte, daß quer zur Fahrbahn stand. Es brannte alles in dem Auto, sogar das Lenkrad und niemand hatte ein Warndreieck aufgestellt. Vom Fahrer sah man keine Spur. Mit zitternden Knien dachte ich zuerst, der Fahrer wäre mit verbrannt, aber dann hätte man doch überreste sehen müssen. In ein paar Metern Entfernung hielten wir an und diskutierten, was zu tun wäre, als aber schon mitten aus dem angeblichen Nichts über einem Berg ein ganzer Trupp Schaulustiger ankam. Ich persönlich hielt es für besser, schnell weiterzufahren, bevor das Auto noch explodierte. Gott sei Dank ging die Straße steil bergab, so daß wir uns schnell davon entfernten. Nach ungefähr einen halbem Kilometer entdeckten wir den Fahrer des Wagens, der mit gesenkten Kopf resigniert in Richtung Vallenar stapfte, in der rechten Hand einen kleinen roten Feuerlöscher haltend. Michael meinte, der ginge jetzt wohl zu Fuß nach Hause, aber mitten im Nichts kann das weit weg sein.

Meine Knie zitterten immer noch von dem Erlebnis und ich konnte es erst mal überhaupt nicht richtig genießen, daß es endlich bergab ging. Wir rollten Kilometer um Kilometer in Richtung Vallenar. Plötzlich tauchten eine paar winzige Holzverschläge auf, es wuchsen plötzlich wieder ein paar grüne Büsche. Obwohl die Hütten eigentlich zu klein erschienen, als daß jemand darin wohnen konnte, waren im TURISTEL Ortschaften mit dem Namen "Pozo Seco" und "Tierras Negras" eingezeichnet. Schilder waren angebracht, daß es hier archäologische Sehenswürdigkeiten zu bestaunen gäbe, jedoch führte der Trampelpfad ins nirgendwo und somit beschlossen wir, weiterzufahren. Wer weiß, was für Abenteuer uns dort noch erwartet hätten.

Von weitem konnte man schon die Quebrada erkennen, in der Vallenar gelegen ist und Silhouetten von Bäumen kündigten die nahe Stadt an. Es waren aber immer noch an die 20 Kilometer. Eine Quebrada ist eine Einschnitt eines Flusses in einer Hochebene. Es ging erst nochmal steil bergauf, dann steil bergab und es dauerte ewig, bis wir endlich dort waren. Vallenar, eine Oase in der Wüste mit grünen Wiesen und Bäumen, nach frisch gemähten Gras duftender Luft und angenehm kühl kam mir vor wie das Paradies. Wir rollten langsam in die Stadt, setzten uns an einem Platz mit einem kleinen Eiffelturm und bemerkten, daß aus der Ferne ein Höllenlärm zu uns drang. Anscheinend gab es im Dorf etwas zu feiern. Der Lärm kam näher und entpuppte sich als eine Art Karnevalsumzug, einige waren als Indianer, andere als Bolivianer verkleidet.

In Santiago hatten wir uns von einer Australierin das "South-American Handbook" ausgeliehen und kopiert. Die Angaben zu den Hotels und Sehenswürdigkeiten waren viel präziser als in unserm deutschen Reiseführer und auch als im TURISTEL; dafür war die Streckenbeschreibung im TURISTEL sehr präzise und detailliert, so das man für eine Radtour beide Reiseführer haben sollte. Den deutschen Reiseführer ("Der schlechte Führer"), den wir schon einige Male vor Wut in den Abfalleimer geworfen hatte, wurde nur noch wegen seines Unterhaltungswertes mitgenommen, um nachzuschauen, wohin er uns diesmal in die Irre schicken wollte. Wir suchten das im Southamerican Handbook empfohlene Hotel mit dem Namen "Viña del Mar" auf und so dreckig und stinkig wie wir waren, haben wir sofort geduscht.

In der Stadt hatten alle Supermärkte wegen des Umzugs geschlossen. Als wir an der Kirche vorbeiliefen, klang lautes Trommeln nach draußen. In der Kirche war die Hölle los: "Indianer" tanzten wild auf dem Altar herum, andere trommelten sich die Seele aus dem Leib. In unserem schlauen Buch stand: "16. Juli, Fiesta Tirana, das größte Fest des chilenischen Nordens mit großen Prozessionen, Volksfesten und Auftritten von einheimischen Musikern". Was gefeiert wurde, stand natürlich nicht geschrieben. Wir gingen eine Pizza essen und im Fernsehen lief die lateinamerikanische Version von MTV.

Vallenar, 17.07.1995

Am nächsten Morgen quälte mich mörderisches Muskelkater und ich konnte mich nur ganz laaangsam bewegen, so das mir ohne ein Wort der Diskussion ein Ruhetag zugestanden wurde. Michael und ich gingen zum Plaza de Armas, wo wir ein wenig in unseren Tagebüchern schrieben. Um den Platz kreisten zwei Autos mit riesigen Flüstertüten auf den Dach, die Passanten mit Werbung beschallten. Eine Horde Zigeuner kam ausgeschwärmt und begann zu schnorren und man konnte sie kaum abwimmeln. Kurz vor 14:00 Uhr gingen wir im Club Social zum frühstücken, die hier mit einem edlen 4-Gänge Menü mit edlen Ambiente protzte.

Nachdem wir Socken gewaschen und für den nächsten Tag Proviant eingekauft hatten, gingen wir wieder in die Pizzaria essen. Im Fernsehen wurde Frankreich scharf wegen seiner Atombombentests im Pazifik angegriffen und das Frankreich Chiles Fischgründe durch die Atombombentest verseuchen könnte. Aber wer hört schon auf Chile?

Es kam ein weiterer Bericht über die bittere Armut, die in Chile herrscht. Ein Drittel der Chilenen leben in Armut, sind z.B. Kartonsammler (Cartoneros), lebende Parkuhren, Dosenzertreter, Schuhputzer usw. 1 Millionen der Chilenen sind noch ärmer. Wir kannten die Bilder, die wir im Fernsehen sahen, aber wir waren überrascht, daß im chilenischen Fernsehen so offen über die Armut in diesem Land berichtet wurde.

Irgendwo zwischen Vallenar und Copiapó, 18.07.1995
"Panamericana desde Vallenar a Copiapó son 150 km planos de excelente pavimiento."

Rast auf der Panamericana

Wir schliefen erst um 1:00 Uhr ein und nach einer Nacht, in der ich von Wölfen träumte, erwachte ich am Morgen, um festzustellen, daß der hauseigene Hund wie blöd heulte. Die Sonne schien schon hoch am Himmel und es war höchste Zeit aufzustehen. Hungrig und müde packte ich mein Fahrrad und kauften auf den Weg aus der Stadt Brot ein. Als wir auf der Hochebene zurück waren, setzten wir uns auf einen großen Stein neben der Panamericana und frühstückten Brot mit Manjar. Es ging weiter bergauf und irgendwann nahm mich Michael "an die Leine", damit wir zügig durch die ansteigende Hochebene kamen. Es war gut, wenn er den Rhythmus vorgab, da war auch ich schneller.

Plötzlich bremste ein roter Pickup vor uns, schaltete seine Warnblinkanlage und wartete, bis wir ihn erreichten. Die Beifahrerin schenkte uns 4 große Orangen als Erfrischung und wünschte uns viel Glück auf unserer weiteren Reise. Wahrscheinlich sah ich schon sehr mitleidenserregend aus. Zwei Orangen mußten wir an Ort und Stelle essen, weil wir für so große Monsterfrüchte wie diese wirklich keinen Platz mehr hatten. Die Sonne brannte immer stärker vom Himmel. Um 13:00 Uhr erreichten wir eine Posada, in der wir uns zwei kalte Colas gönnten. Zwischen 13:00 und 14:00 Uhr brennt die Sonne am schlimmsten.

Nach einer Stunde setzten wir unsere Reise fort, es ging ständig bergauf und nur sehr selten bergab, aber immerhin schafften wir an diesem Tag die Hälfte der Strecke, 75 km. Der Tag ging zur Neige und irgendwann konnte ich einfach nicht mehr. Meine Füße schmerzten, als ob ich die ganze Strecke zu Fuß gelaufen wäre, meine Hände schmerzten, meine Rücken, mein Nacken und vor allem aber mein Hintern taten weh. Autsch. Wir suchten uns einen Zeltplatz in der Wüste, rechts neben der Panamericana. Hier gab es nichts mehr, hinter dem man uns verstecken konnte, also stapften wir ungefähr einen Kilometer in die Wüste hinein. Die Sonne ging gerade unter und tauchte die Anden in ein goldenes Licht. Im Sand entdeckten wir eigenartige Löcher, die von irgendwelchen Viechern stammte und ich hoffte inständig, daß es keine Spinnen wären. Es gab Sträucher, die eigenartige Früchte trugen. Sie sahen aus wie Dauerwellen aus Holz und sie verfingen sich zu hunderten ineinander zu großen Knäulen. Wir sammelten einige davon und machten daraus ein Lagerfeuer. Ich hielt es brennen, während Michaelel mit dem Teleskop den Sternenhimmel betrachtete und viele Sternschnuppen beobachtete, die in kleine Stücke auseinanderfielen. Als das Feuer ausging, zogen wir uns ins Bett zurück und legten uns schlafen.

Copiapó, 19.07.1995"

Die Nacht in der Wüste war ein bißchen kalt und ich mußte mir mal wieder eine Wärmflasche machen. Als jedoch die Sonne aufging, wurde es sehr schnell heiß in unserem Zelt, schön warm. Endlich konnte ich wieder im T-Shirt fahren, wir waren dem Winter entkommen. Einige der Löcher vom Vorabend entpuppten sich übrigens als Skorpionlöcher. Als wir nämlich das Zelt abbauten, entdeckten wir einen Skorpion, der sich unter dem Zelt versteckt hatte, weil es dort so schön schattig und kühl war. Michael ärgerte ihn mit einem Holzstecken und der Skorpion versuchte den Holzstecken zu stechen und wegzurennen. Die anderen Löcher waren wohl Bauten von Salamandern oder Eidechsen, weil wir entsprechende Spuren im Sand fanden. Aus anderen Löchern kamen große schwarze Käfer herausgekrochen. Ich schob mein Fahrrad durch den Wüstensand zurück auf die Panamericana und konnte ca. 5 km Vorsprung herausholen, während Michaelel das Zelt zusammenpackte. Es wurde immer bergiger und zu meinem Bedauern ging es nur noch ganz selten bergab. Nach ca. 10 km fand man laut TURISTEL die "beste Posada" auf der Strecke, was allerdings nicht weiter schwer war: Wie es sich herausstellen sollte, war es auch die Einzige auf 60 km gewesen. Unser Weg führte durch eine "Ebene", die aber schrecklich bergauf führte. Ich mühte mich ab, aber kam nicht richtig voran. Es wurde immer später und ich schien auf dem Fleck stehen zu bleiben, so mächtig dehnte sich diese Hochebene aus. Wir fuhren an einer Eidechse vorbei, die sich ungestört auf der in dieser Region sehr verkehrsarmen Panamercana sonnte. Bei unserem Anblick sprang sie jedoch erschrocken zur Seite, um in der Wüste zu verschwinden.

Wir hielten an einer verlassenen Hütte an, um im Schatten eine kleine Pause einzulegen und ein paar Kekse zu futtern. Plötzlich lief ein Wüstenfuchs über die Panamericana und lief geradewegs auf uns zu. Er hüpfte ganz lustig dabei, trippelte herum. Er blieb aber immer wieder stehen, es wahr ihm wohl nicht ganz geheuer, daß zwei Menschen im Nichts herumstanden. Er drehte ab und versuchte, ein schattiges Plätzchen unter einem Bäumchen oder Strauch zu finden, probierte einige aus, aber keiner war ihm recht. Als er endlich einen Strauch nach seinem Geschmack gefunden und es sich dort gemütlich gemacht hatte, um ein Mittagsschläfchen zu halten, wollte Michael ausprobieren, inwieweit der Wüstenfuchs es erlaubt, sich ihm zu nähern. Irgendwann sprang er nervös von seinem Ruheplatz auf und tippelte weiter durch die heiße Wüste, um einen einsameren Ort zu suchen. Irgendwo rechts in der Wüste befindet sich eine der größten Silberminen der Welt, aber leider lagen keine Geröllbrocken davon am Straßenrand herum.

In der Ferne erkannten wir ein Gebilde mit Fahnen und einem Dach in blau. Als wir dieses Etwas endlich erreicht hatten, stellte es sich als eine Statue einer sehr häßlichen Nonne mit Brille, zwei Chileflaggen und jeder Menge weißer bemalter Steine heraus und die abfärbten, wenn man sich darauf setzte, so wie ich es tat, um meinem Hintern etwas Entspannung zu gönnen.

Ich wußte nicht mehr, was ich mit diesem blöden Fahrrad anstellen sollte, ich hatte schon alles versucht: Sattel höher, tiefer, Lenker höher, tiefer, Fahrradhose mit Ledereinsatz, Fahrradunterhose mit Einsatz, aber nichts half, mein Hintern tat höllisch weh und bei jedem Tritt in die Pedale durchfuhr mich ein gemeiner Schmerz. Die Zeit in Santiago hatte mich noch weiter verweichlicht. Diese Hochebene wollte nicht aufhören. Uns stand ein gigantischer Anstieg bevor, ca. 15 km von einem Ende zum anderen und es war schon 16.00 Uhr, zwei Stunden vor Sonnenuntergang. TURISTEL beschrieb die Strecke als leicht ansteigende Ebene und leichten Abstieg nach Copiapó. Aber es ging nicht bergab, seit ca. 60 Kilometern ging es kontinuierlich bergauf! Die Panamerciana wurde von Eisenbahngleisen gekreuzt, die wie üblich schlecht in der Straße versenkt waren. Also bremste ich, sonst holperte ich immer mit ungebremster Geschwindigkeit darüber, aber ich wollte Rücksicht auf mein Hinterteil nehmen. Diesmal jedoch, wahrscheinlich weil ich so langsam war, riß es mir das Vorderrad weg und ich stürzte mit dem Fahrrad in den steinigen Staub. Ich fühlte mich, als hätte ich mir den ganzen Körper aufgeschlagen, vor allem deswegen, weil ich nur kurze Hosen und ein T-Shirt anhatte.

Nachdem ich mich vom Fahrrad befreit und aufgerappelt hatte, stellte ich fest, daß mir überhaupt nichts weiter passiert war, außer das ich einen mächtig blauen Fleck am rechten Oberschenkel hatte und drei mückenstichgroße Kratzer am Bein. Ich war erstaunt. Ich hatte aber trotz Schmerzen keine Zeit zu jammern, schließlich mußten wir uns beeilen und noch 20 km (laut TURISTEL waren es nur noch 15 km!) zurücklegen, bevor die Sonne unterging. Angeblich sollte nach unserem sonst sehr zuverlässigen Reiseführer eine "suave y larga bajada" (sanfter und langer Abstieg) beginnen, aber davon war nichts in Sicht, dafür wurden die Berge immer beeindruckender und die Landschaft war schon gebirgsähnlich. Plötzlich entdeckten wir eine Posada, bei der wir Wasser bekommen hätten. 15 km vor einer Stadt lohnte es sich jedoch nicht mehr zu zelten, obwohl die Sonne schon sehr lange Schatten warf. Alles tat mir weh, die Füße, die Hände, der Hintern, der Nacken, der Rücken und hätte ich gewußt, was mich noch alles erwartet, wäre ich sofort vom Fahrrad abgestiegen und hätte gezeltet. Es ging noch mal kräftig bergauf, bis wir zu einem Schild kamen, daß einen Pass ankündigte, den der TURISTEL völlig unterschlagen hatte. Wie bereits erwähnt, sollte laut TURISTEL die sanfte Ebene in einem ebenso sanften Abstieg enden. Es wurde so steil, daß selbst Michaelel im Stehen in die Pedalen trat. Als wir endlich oben am Pass waren, las ich mit Schrecken "Cuesta" und das bedeutet immer eine sehr steile Strecke. 13 km ging es nun mit einer irrsinnigen Steilheit bergab. Die Sonne war schon untergegangen, wir fuhren in der Dunkelheit, weil das Licht unser beider Fahrräder defekt war. Als wir so durch die Dämmerung sausten, tauchten rechts und links der Straße erschreckend hohe Berge auf: die Anden, die eine respekteinflößende Höhe erreichten. Wir rasten durch das absolute Nichts: Wüste und Gebirge, so unwirklich, wie es in diesem Licht nur sein konnte. Es wurde richtig dunkel und die Stadt war noch so weit weg, daß man noch kein Licht von ihr sah. Ein paar mal wurde ich zu schnell und mußte bis zum Stillstand abbremsen und ausruhen, damit ich aufs Neue losrasen konnte. Ich war genauso schnell wie ein LKW, der beständig und in einer nicht unbeträchtlichen Geschwindigkeit neben mir her fuhr und ich war mir sehr wohl bewußt, daß mich der Fahrer überhaupt nicht sehen konnte.

Endlich die Lichter von Copiapó

Endlich tauchte die Stadt aus der Dunkelheit auf, wie ein funkelndes Juwel sah sie aus, eine Oase, die sich in einer Senke an die Berge schmiegte. Ich konnte es kaum erwarten, bei diesem wertvollen Juwel anzukommen, meine Schmerzen, mein Hunger und mein Durst trieben mich an. Ein Rudel aggressiver Hunde wollte uns kurz vor der Stadt noch anfallen und beißen, doch nichts konnte mich mehr aufhalten. ENDLICH waren wir da!! Wir fanden ein herrliches Recidencial namens Rocio, nachdem wir mühsam unsere Fahrräder durch eilige Menschenmengen geschoben hatte, die sich in den Straßen aufhielten.

Ich war so glücklich über die heiße Dusche mit mächtig Druck und ich ließ die Anstrengung des Tages von mir fallen. Bevor ich jedoch duschen konnte, mußte ich erst mal ein wenig ausruhen und lag eine Stunde erschöpft im Bett. Wir gingen zu einem Chinesen essen, bei dem wir regelrechte Unmengen verspeisten und alberten fröhlich herum. Ich war richtig guter Laune und schlief sofort tief und fest ein, als ich endlich in meinem Bett lag. Michael ging derweil noch ein paar Bier trinken.

Copiapó, 20.07.1995

Ich durfte richtig lange ausschlafen. Wir stiegen irgendwann am Nachmittag aus den Federn und gingen mit unserer dreckigen Wäsche in die Stadt. Der Tag war heiß und sonnig, so an die 30 Grad. Wir fanden auf Anhieb keine Wäscherei und wir mußten uns erst mal auf eine Parkbank auf dem herrlichen und wohl schönsten Plaza de Armas (Prat. Arutro) in Chile setzen. Die Hitze wurde immer unangenehmer. Während ich lieber im Schatten der riesigen Bäume sitzen blieb, ging Michael allein los, um eine Wäscherei zu finden.

Als ich allein auf der Parkbank saß, gesellten sich zwei junge Frauen zu mir, die mich anquatschten und zwar mit einem sehr schnellen und undeutlichen chilenischen Dialekt. Ich sagte ihnen, daß ich überhaupt nichts verstehe, obwohl ich schon mitbekommen hatte, daß es so "Christusse" sind, die mit mir über die Bibel sprechen wollten. Die eine wollte wissen, ob ich englisch spreche und blöd, wie ich bin, sagte ich ja. Da kam die zweite ins Spiel, die sich als waschechte Amerikanerin entpuppte und mit schrecklichen Slang auf mich einplapperte, daß sie von den Zeugen Jehovas wären, Bibelstudenten und ob ich mit Ihnen über die Bibel sprechen wollte. Als ich antwortete, daß ich überhaupt nicht interessiert bin, guckten sie ein wenig dumm aus der Wäsche und zogen ab.

Nach einer halben Stunde kam Michael völlig verschwitzt zurück und wir stellten fest, daß die Hitze nach einer sofortigen Siesta in dem schattigen und kühlen Patio unseres Recidenciales schrie. Zuvor kauften wir im Supermarkt "Las Brisas" noch Obst und Getränke ein und setzten uns in Shorts in den wunderschönen Innenhof. Dort war die ganze Familie des Besitzers versammelt, Kinder liefen herum und wir fühlten uns wohl im alltäglichen chilenischen Chaos. Ich schrieb an meinem Tagebuch, las Zeitung und aß ein Kilo Maracuyas und Pepinos Dulces und genoß die familiäre Atmosphäre um mich herum.

Gegen Abend gingen wir noch mal in die Stadt, um ein mineralogisches Museum zu besuchen. Immerhin studierte ich (aus versicherungstechnischen Gründen) im ersten Semester Geographie an der Universität Würzburg und da sollte man sich auch für Steine interessieren. Aber das tat ich sowieso. Man konnte Prachtexemplare aus der ganzen Welt bewundern und alles, was man so in der Atacama aus den Bergen schaufelt, vor allem Kupfer und Marmor und alles, was so auf die Atacama fällt, wie Meteoriten. Zwei kleine Jungs schleppten zu zweit einen riesigen Stein zum Museum, die gleichzeitig die Universität für Mineralogie war, so wie der Professor auch gleichzeitig der Pförtner und der Kloaufpasser war. Die beiden Jungs wollten wissen, was sie da gefunden hatten und hielten den Brocken stolz dem Professor entgegen. Der rief seinen Assistenten und diktierte ihm eine Unmenge von Fachbegriffen und chemischen Formeln, die dieser eilig auf einen Block kritzelte, dabei konnte man richtig sehen, wie die beiden Kleinen immer stolzer wurden.

Am Abend war es immer noch so warm, daß man im T-Shirt herumlaufen konnte, Sommer inmitten des südamerikanischen Winters. Als wir zwei Leute mit Pommes sahen, überfiel uns der Hunger und wir verfolgen ihre Spur zurück bis zur Imbißbude. Dort bekamen wir ein Zettelchen, mußten aber über eine halbe Stunde auf unsere Portion Pommes warten, weil jeder der vor uns Wartenden mindestens 3-4 Portionen verlangte. Mir hing der Magen bis zum Boden, als wir endlich unsere Portionen bekamen.

In der Nacht bekam ich wieder böse Nackenschmerzen, es fröstelte mich und ich bekam eine eigenartige Platzangst, so daß ich mich lieber schlafen legte.

Copiapó, 21.07.1998

Ich bekam noch einen Ruhetag zugestanden, obwohl Michael schon wieder am Morgen aufbrechen wollte. Aber als ich mich am Morgen wie ein Häufchen Elend im Bett liegen sah, hatte er doch ein Einsehen. Mein Nacken und das Bein, auf das ich bei meinem Sturz auf den Bahngleisen gefallen war, schmerzten immer noch, stärker als zwei Tage zuvor. Michaelel nahm's außergewöhnlich gelassen, wir setzten uns an den Tisch im Patio und Michael fertigte eine Zeichnung mit dem Titel "Straßenszenen aus Santiago" an.

Pampa La Higuerra, 22.07.1995

Als ob man es geahnt hätte: Michael traute sich nicht, mich aufzuwecken und ließ mich ausschlafen. Wir hatten dann nur noch eine dreiviertel Stunde Zeit, das Zimmer zu räumen und es brach eine schreckliche Hektik aus. Zeit für ein Frühstück im Zimmer fanden wir jedoch noch. Nachdem alle Wasserflaschen aufgefüllt waren, ging die Fahrt los, immer Richtung Norden. Im mittaglichen Copiapó hatte die Rush-hour (Siesta) begonnen und das übliche chilenische Chaos brach aus. Ein Durcheinander von Autos, Fußgängern, Geisterradfahrern, Bussen und Taxis wurde von zwei Polizisten, die den Verkehr an zwei aufeinander folgenden Kreuzungen regeln wollten zu einem wahrlich bemerkenswerten Chaos vollendet. Ohne die beiden wäre der Verkehr wahrscheinlich ganz normal geflossen. Ein übereiliger Taxifahrer wollte sich von seinem Parkplatz aus in den Verkehr einbringen, blinkte jedoch nicht einmal und fuhr nur einen Zentimeter an meinem Knie vorbei auf die Straße, dabei streifte er meine hintere Gepäcktasche. Ich schrien ihm nicht jugendfreie Worte zu und setzte meinen Weg unter lautem Protest auf dem Gehsteig fort und Michael drohte ihm mit seiner bemerkenswerten Kollektion spanischer Schimpfwörter, es ja nicht zu wagen, auch ihn anzufahren.

Auf der Straße zur Stadt hinaus gab es fast keinen Verkehr mehr, anscheinend wollte niemand Richtung Norden fahren. In der heißen Mittagssonne entdeckten wir zwei Rucksacktouris, die uns auf der gegenüberliegenden Straßenseite schwerbepackt entgegenkamen. Sie quälten sich so sehr mit dem Gepäck, hatten den Blick starr auf dem Boden gerichtet, daß sie uns noch nicht mal bemerkten, als wir fröhlich winkend an ihnen vorbeifuhren.

Alte Bahnlinie

Ich war froh, das mich der Fahrtwind kühlte und daß ich nicht mein Gepäck auf dem Rücken mit mir schleppen mußte und in einem einigermaßen guten Tempo vorankam. Es frischte ein stärkerer Gegenwind auf, der uns auf der leicht abschüssigen Strecke ausbremste. Die Berge zu beiden Seiten der Straße sahen lustig aus, riesige Steingebilden, deren Flanken anstatt von Schnee von feinem Wüstensand zugeweht waren. Wir fuhren durch ein grünes Tal, in dem die Vegetation üppig sproß, nur weil ein kleines Flüßchen durch das Tal floß. Die Straße führte an der ältesten Bahnlinie Südamerikas entlang, die leider schon stillgelegt war. Die Geleise führen aber immer noch über die Straße und waren sehr schlecht versenkt, so daß ich immer mit einem sehr unguten Gefühl darüber fuhr.

Nach ungefähr 20 Kilometern machten wir eine kleines Picknick im Schatten einiger Bäume, Michael breitete die Isomatte aus und wir aßen Tomaten und den Rettich, den wir tags zuvor im "Las Brisas" gekauft hatten. Michael biß kraftvoll in die Tomate, so daß er mich, die ihm unmittelbar gegenübersaß, von oben bis unter mit Saft und Tomatenkernen vollspritzte. Zuerst wollte er so tun, als ob überhaupt nichts passiert wäre und erzählte von der weiteren Strecke. Als ich meinte, er bräuchte gar nicht so ablenken und mich anschauen, wie ich jetzt ausschaue, total eingesaut, mußten wir schrecklich lachen und er meinte nur: "Wie kann ich denn ahnen, daß eine so kleine Tomate so weit spritzen kann?" Als mir vor lauter Lachen schon alles weh tat, fuhren wir weiter, immer noch an Fluß und Bahnlinie entlang, bis sich die Straße von beiden trennte und in die Wüste führte. Sofort wurde es hügelig, steiler, trockener, heißer. Wir fuhren vorbei an riesigen weißen Sanddünen, in denen der Wind seine Muster hinterließ.

Zeltplatz in der Wüste

Auch die Straße führte über Dünen hinweg, mächtige Dünen und langsam wurden die Schatten immer länger und es war an der Zeit, sich einen Platz zum zelten zu suchen. Wir versteckten unser Zelt so gut es ging und kochten zum Abendbrot Reis mit Soße. Das Wasser, das wir vom Reis abgeschüttet hatten, war am nächsten Morgen noch zu sehen, es war weder verdunstet noch versickert. Die Nacht war anfangs angenehm warm gewesen, da dichte Wolken aufgezogen waren und ein Auskühlen verhinderten. Im Laufe der Nacht klarte es jedoch auf und ich erwachte fröstelnd und mußte mir eine Wärmflasche machen.

Caldera, Playa Ramada, 23.07.1995

Wir ließen uns Zeit mit dem Aufstehen. Draußen war es bewölkt und kühl und so warteten wir bis ca. 10.00 Uhr, als die Sonne endlich durch die Wolken brach. Dann frühstückten wir (Sardinen in Tomatensoße, nicht besonders empfehlenswert) und machten uns auf. Ich schob mein Fahrrad zurück zur Panamericana, die zu meiner Erleichterung noch einen Seitenstreifen hatte. Ich fuhr los und hatte ca. 10 km Vorsprung, als mich Michael endlich einholte. Es war noch einigermaßen flach, ging ein wenig bergauf, aber nichts so, daß es weiter tragisch gewesen wäre. Gegen 15.00 Uhr erreichten wird die Abzweigung nach Caldera. Von dort aus mußten wir ca. 3 Kilometer fahren, um von der Panamericana die Innenstadt zu erreichen. Auf dem Plaza angekommen, orientierten wir uns kurz im TURISTEL. Der Friedhof am Eingang der Stadt mit den beeindruckenden Mausoleen wurde zurecht als Sehenswürdigkeit beschrieben. Mitten auf dem Plaza saß ein zerlumptes Touristenpärchen mit den Rucksäcken, barfuß und rauchte. Sie waren sehr eigenartig gekleidet und irgendwie war ich froh, daß sie uns nicht bemerkt hatten. Wahrscheinlich hatten sie schon viel in Südamerika "gemacht", wie es in der Touristensprache heißt, daß sie sich so dermaßen cool in Caldera geben konnte.

Ich war froh über diesen hübschen Ort, wir kauften uns eine Zeitung und setzten uns in ein Restaurant am Plaza und bestellten das billigste Essen auf der Speisekarte, daß sehr gut und reichlich ausfiel. Ein sehr europäisch aussehendes Paar setzte sich an den Tisch neben uns. Als wir bezahlten, fragte Michael sie, ob sie vielleicht die Zeitung lesen wollen, und es stellte sich heraus, daß es Deutsche waren, die seit 1 1/2 Jahren in Copiapó wohnten, weil der Ehegatte von Siemens dorthin geschickt wurde. Die beiden taten mir ein wenig leid, obwohl ich die Gegend überaus interessant fand, aber ich war freiwillig hier.

Ein kleiner, dicker Junge mit einem alten, klapprigen Fahrrad, der uns schon die ganze Zeit beobachtet hatte, fragte mich: "Señora, fahren Sie um die ganze Welt?" und ich antwortete mit "Sí.", denn ich wollte ihn in seinen Träumen nicht desillusionieren. Vielleicht fährt er ja eines Tages um die ganze Welt. Bewundernd blickte er uns hinterher, als wir losfuhren.

Erschrocken stellten wir fest, daß alle Supermärkte in Caldera von 12:00 bis um 17:00 Uhr Siesta hielten und suchten einen kleinen Onkel-Emma-Laden heim, der uns mit dem nötigsten für ein anständiges Abendbrot versorgte. Als wir aus der Stadt hinaus fuhren, hielt nach dem ersten Hügel ein Pickup neben mir und die beiden Insassen fragte mich besorgt, wo ich denn hinwill. Weil ich dachte, sie wollten mich mitnehmen und ich keine Hilfe an diesem Tag brauchte, sagte ich zu ihnen "Nur an den Strand". Die Frau schenkte mir noch eine "naranjita", eine Mandarine. Michael, der ca. 100 Meter vor mir war, bekam auch eine naranjita geschenkt und er erzählte ihnen, daß wir nach Antofagasta wollten. Die beiden werden sich bestimmt etwas gedacht haben...Wir fuhren noch einige Kilometer bis zum nächsten Strand und bauten dort nur einige Meter vom Wasser entfernt das Zelt auf. Es war eine sehr schöne Bucht mit tollen Felsen und einer kleinen Insel, die von tausenden Kormoranen bevölkert war. Im Sommer mußte dieser Strand sehr bevölkert sein, weil es viele mit Steinen markierte Liegeflächen gab und eine Betonplattform, auf der höchstwahrscheinlich eine Imbißbude Platz findet. Im Winter war es hier aber einsam, so daß wir den Sonnenuntergang in Ruhe genießen konnten.

Abends am Strand

Michael mußte natürlich mal wieder ausprobieren, ob das Wasser hier schon warm genug wäre, um darin zu schwimmen, nur um erneut festzustellen, wie eisig der Humboldt-Strom in dieser Gegend noch war. Wir machten einen Spaziergang am Strand entlang, bis man fast nichts mehr sehen konnte. Wir kochten Hot Dogs zum Abendbrot. Draußen wurde es wärmer und vom Rauschen des Pazifiks schliefen wir ein. Als in der Nacht die Brandung lauter wurde, weckte sie mich auf. Michael hatte viele Sternschnuppen gesehen und ich kroch leise aus dem Zelt, um auch mal eine zu entdecken. Der Himmel war mit Sternen übersät, es funkelte überall, jedoch entdeckte ich keine Sternschnuppen. Vielleicht waren mir schon alle meine Wünsche erfüllt worden? Und da bemerkte ich, daß ich in diesem Augenblick wunschlos glücklich war.

Costa Obispito, 24.07.1995

Als ich aufwachte, war Michael schon am Strand unterwegs. Die Sonne versteckte sich noch hinter den Wolken, dennoch war es bereits sehr heiß im Zelt. Noch etwas benommen vom Schlaf lag ich in meinem Schlafsack und döste im Halbschlaf vor mich hin. Alles war so perfekt, so wunderbar und am liebsten wäre ich den ganzen Tag am Strand geblieben. Als Michael zurückkam, frühstückten wir Brot mit Manjar und den restlichen Gerupften, den wir in Copiapó angemacht hatten. Dann packten wir unsere Sachen und verließen diesen wundervollen Zeltplatz.

Als ich mein Fahrrad durch den Sand auf die Panamericana zurückschob, stellte sich mir ein Auto in den Weg und eine unfreundlich dreinguckende Frau fragte mich ebenso unfreundlich, ob ich "gestern mittag oder abend gegessen" hätte. Weil ich die Frage überhaupt nicht kapierte und ich überhaupt nicht wußte, warum sie mich so unfreundlich behandelte, schob ich kopfschüttelnd und kommentarlos weiter.

Die Strecke war zwar schön, aber hatte einige unangenehme Berge zwischendrin. Wir kamen an einem "Gedenkpark" vorbei mit dem Namen "Incabus". An dieser Stelle soll sich laut TURISTEL einmal ein schweres Busunglück ereignet haben und zum Gedenken der Toten war ein Park angelegt worden. Von der Busgesellschaft "Incabus" hatte ich noch nie etwas gehört, das ganze mußte schon sehr weit in der Vergangenheit liegen.

Enterprise-Felsen

Gleich danach entfaltete sich vor uns eine Gegend, die auf uns wirkte, als seien wir direkt in eine Kulisse der Serie "Raumschiff Enterprise" gebeamt worden. überall lagen große, eigenartig geformte Steine herum, die hohl in ihrem Inneren waren.

Manche hatten große Löcher und es schien, als ob die Steine Karies hätten. Es wuchsen Kakteen und komische braune Büsche, deren äste daumendick waren und kleine, zarte, gelbe Blüten hatten. Wir hielten uns ungefähr eine Stunde in dieser fremdartigen Landschaft auf und haben viele Fotos geschossen und Witzchen mit "beam mich hoch, Scotty" gemacht. Ich konnte mich von dieser Landschaft fast nicht trennen.

Felsen mit Karies

Die Reise mußte weitergehen und so stiegen wir wieder auf die Räder und ich erreichte etwas geschafft am späteren Nachmittag die Posada Obispito, der ich schon seit Stunden entgegengehungert war. Nach einem langen Anstieg sauste ich in einer angenehmen Geschwindigkeit bis direkt vor die Posada, die wie ein weißes U-Boot aussah. Dort speisten wir und fuhren noch ein paar Kilometer weiter, um an einem Strand zu übernachten, der relativ einsam wirkte. An der Panamericana hatten wir noch schnell Feuerholz gesammelt, daß wohl irgendein LKW verloren hatte, jedoch war es nachts zu kalt und zu windig gewesen, um ein Lagerfeuer wirklich genießen zu können.

Als wir einen geeigneten Zeltplatz suchten entdeckten wir mit Entsetzen drei Seehund-Leichen am Strand. Es waren drei in Größe und Statur völlig unterschiedliche Seehunde gewesen, die wohl kaum alle drei eines natürlichen Todes gestorben sein konnten.

Zeltplatz in der Wüste

Da hatten sich wohl irgendwelche Fischer in ihrere Existenz bedroht gefühlt und es trübte unsere Stimmung gewaltig, weil die Seehunde immer so lustig und neugierig waren, wenn wir sie in freier Wildbahn beobachteten.

Wir bauten das Zelt in einiger Entfernung von den Seehunden auf, sehr günstig zwischen zwei Felsen gelegen, die uns vor dem Wind schützten. Ich verkroch mich im Zelt und hielt ein kleines Nickerchen. Die Müdigkeit hatte mich überkommen; Michael kochte währenddessen eine Maiscreme-Suppe. Ich schlief tief und fest in dieser Nacht und es war so angenehm warm.

Chañaral, 25.07.1995

Als ich erwachte, bekam ich fast einen Hitzschlag, weil die Sonne direkt auf unser Zelt brannte. Ich konnte gar nicht schnell genug aus meinem Schlafsack herauskommen. Wir brachen sehr früh auf, nachdem Michael noch eine kleine Strandwanderung mit dem Fotoapparat unternommen hatte und ich hoffte nur, daß er nicht die toten Seehunde fotografieren wollte.

Die Straße führte wie gewöhnlich die höchsten Berge hinauf, obwohl man die Straße genausogut in der Ebene hätte bauen können. Als wir an der höchsten Stelle eines Berges waren, setzten wir uns dort zwischen den Felsen in den feinen Sand, der voller weißer Schneckenhäuschen war. Oben auf dem Berg war es viel kühler als unten am Meer, obwohl die Sonne herunterknallte. Wir futterten Kekse, lagen faul in der Sonne und dösten ein wenig. Ein Motorradfahrer weckte uns auf, der auf der Straße vorbeiraste. Michael ging runter zu den Fahrrädern und wollte noch etwas zum Trinken holen, da kam der Motorradfahrer wieder zurück und unterhielt sich mit Michael. Dabei nahm er weder den Helm ab, noch stellte er den Motor ab, so daß Michael nur die Hälfte verstehen konnte. Er erzählte ihm, daß er uns schon einen Tag vorher überholt hätte und er es "cool" fände (O-Ton), was wir machen. Zu dem Zeitpunkt hätte ich es auch ganz cool gefunden, so eine schnelle Maschine wie er zu haben. Aber auch wir rasten mit einer ansehnlichen Geschwindigkeit ins Tal hinunter, wo die Straße überraschenderweise mal direkt an der Küste entlang führte und nicht über den nebenstehenden Berg. Es gab einige kleine Dörfchen, die versteckt hinter Hügeln lagen und nur durch Straßenschilder auf ihre Existenz aufmerksam machten.

Ein entgegenkommender LKW, der mit einer irren Geschwindigkeit fuhr, riß mir beim Vorbeifahren durch den Fahrtwind die Kappe vom Kopf, die einige Meter durch die Luft wirbelte und die ich wieder von der Straße aufsammeln mußte. Weiter ging die Fahrt direkt an der Küste entlang, neben uns türmten sich immer gewaltigere Berge auf über die man locker viele steile Cuestas und Bajadas hätte bauen können, was chilenischen Straßenbauarbeitern besonders viel Spaß zu bereiten schien. Warum sie es in dieser Gegend nicht getan hatten, war uns schleierhaft.

Wir machten eine weitere Pause in einer eigenartigen Mondlandschaft, in der es scharfkantige, dunkle Felsen gab, die bei Berührung wie von selbst abbröckelten und auch ganz hohl waren. Wir machten uns einen Spaß daraus und hauten aus einem riesigen Stein, auf dem wir saßen, große Brocken heraus. Am Straßenrand waren schon die großen Werbeschilder aufgestellt, die die nahe Stadt mit ihren Attraktivitäten ankündigte. Es waren nur noch 12 Kilometer, stand auf einem der Schilder. Es ging weiterhin sehr flach, jedoch wurde kurz vor der Stadt auch die Küste ziemlich bergig, weil ein Ausläufer der Küstenkordilliere direkt in den Pazifik abfiel. Die Landschaft sah wunderschön aus, die Straße war direkt in die Küstenkordilliere geschnitten und schlängelte sich 3 bis 4 Kilometer an der Bucht entlang.

Küste bei Chanaral

Der blaue Himmel und das blaugrüne Meer schienen wie gemalt zu sein und man konnte in dieser Bucht mit allen möglichen Varianten des Windes Bekanntschaft machen: Gegenwind, Seitenwind, schräger Seitenwind von vorn, hinten, rechts und links und natürlich hatten wir keinen Rückenwind. Es wurde zum Schluß hin immer hügeliger und die enge Straße war von beiden Seiten von hohen Felsen eingesäumt. Hier konnte man nicht mehr schnell in den Straßengraben springen, falls ein Auto zu nahe an einem heran fuhr, hier hätte es kein Entrinnen mehr gegeben. Nach einer steilen Kurve hatten wir endlich wieder Blick auf das offene Meer und man sah auf einem großen Felsen einige Seehunde liegen und sonnen. Wir versuchten, näher an sie heranzukommen, doch das war nicht möglich, weil die Felsen so steil in Meer abfielen. Aus diesem Grund liebten die Seehunde wohl auch diesen Teil der Bucht, weil sie dort ihre Ruhe hatten. Auf einem anderen Felsen daneben saßen majestätische weiße Pelikane. Sie saßen nebeneinander, wie Perlen an einer Kette und stiegen wie auf Kommando nacheinander in die Lüfte, von links oben nach rechts unter, alle der Reihe nach. Aus einem anderen Teil der Bucht flogen auch Pelikane in die Lüfte und die schlossen sich zu einem riesigen Schwarm zusammen. Gemeinsam kreisten sie jetzt über den Seehundfelsen und wir stellten uns vor, daß sie wütend auf die Seehunde wären und zum Angriff geblasen hätten, um die Seehunde von oben zuzukacken. Sie wären deshalb so wütend auf die Seehunde, weil diese immer die Pelikane beim schwimmen von unten in die Füße zwicken würden, wenn die Pelikane im Wasser schwimmen.

Wir fuhren weiter und endlich erreichten wir die Abzweigung nach Chañaral, fuhren zum Plaza de Armas und setzten uns erst mal auf eine Bank in den Schatten. Die Stadt erschien im ersten Augenblick schön, sauber und ruhig, ausnahmsweise mit richtig krummen Straßen und Gassen, nicht wie auf dem Reisbrett entworfen. Die Küste verlief früher ca. 500 Meter weiter landwärts als heute, so daß die Stadt unnatürlich an die Felsen gequetscht schien, so als ob sie Angst hätte vor dem Ozean in der Ferne; doch früher lag das Dorf direkt am Strand. Wir suchten uns ein Hotel, daß am gemütlichsten aussah. Michael versuchte, mein Hinterrad an sein Fahrrad zu montieren, weil er seit ca. 500 km mit mehreren gebrochenen Speichen fuhr, jedoch kein chilenischer Fahrradladen in der Lage waren, die Speichen auszuwechseln, weil der Fahrradladen in La Serena alles so fest zugezurrt hatte. Das Rad fing schon etwas zu eiern an. Aber leider paßte mein Hinterrad nicht an Michaels Rahmen, weil es zu breit ist. Nach dem Duschen wollten wir in die Stadt gehen, jedoch stellte sich uns ein dünnes altes Männchen in den Weg, mit viel zu engen Hosen und Stiefeln mit hohen Absätzen, der uns sehr unfreundlich befahl, unsere Paßnummer in das Gästebuch eintragen zu lassen. Alles kein Problem, dachten wir, aber er wollte die Paßnummern unbedingt selbst eintragen, gab barsche Befehle und weil er so unfreundlich war, warf ich ihm genauso unfreundlich meinen Reisepaß auf den Tisch. Barsch verlangte er dann sofort das Geld für das Zimmer. Er nahm dann seinen Besen, kehrte den Eingang und ignorierte uns. Wir suchten einen Supermarkt, in dem wir den Proviant für Michaels Wüstendurchquerung kaufen konnten und wir kauften für mich auch die Fahrkarte nach Antofagasta. Wir wählten die Busgesellschaft "Flota barrios" aus, weil man dort angeblich mit Kreditkarte bezahlen konnte. Es dauerte fast eine geschlagene Stunde, bis wir die Fahrkarte hatten, weil die Dame mittels eines altertümlichen Telefaxgerätes mit der Zentrale in Santiago kommunizieren mußte, um zu erfragen, ob noch Plätze frei wären. Beim Bezahlen stellte sich heraus, das man nur in Bar bezahlen konnte, weil das Kreditkartenbuch "seit zwei Tagen" verschwunden war.

Wir gingen in einem Restaurant essen und erst als ich das Brot mit Butter aß, das es traditionell zur Vorspeise gab, bemerkte ich, wieviel Hunger ich eigentlich hatte. Zu meinem Leid bekam ich plötzlich auch gemeine Durchfallattacken, so daß ich schnell ins Hotel zurückrannte. Mir wurde eigenartig schwindelig, ich sah nur noch ganz verschwommen und konnte mich überhaupt nicht mehr richtig konzentrieren. Als wir noch ein wenig die Straße auf und ab gingen, fühlte ich mich so unangenehm schwach, jeder Schritt erschien mir so schwer, als ob ich Bleiklumpen an den Füßen hätte.

Antofagasta, 26.07.1995

Auf der langen Fahrt nach Antofagasta hatte es ganz übel im Bus gestunken, muffig, nach Klo und nach etwas, daß diesen Gestank unterdrücken sollte. Im Bus war es heiß, alle Fenster waren mit schwarzen Stoff zugezogen, der vor der Sonne schützen sollte. Eigentlich wollte ich erst einen Tag später fahren, aber Michael hielt es für besser, daß ich allein nach Antofagasta fahre, weil er Chañaral für ein Scheißkaff hielt und die Leute so unfreundlich waren.

Ich hatte am Morgen immer noch Durchfall, obwohl ich zwei Tabletten dagegen genommen hatte. Sie Sonne strahlte vom Himmel uns es war herrlich warm. Wir ließen uns Zeit mit dem Aufstehen und Michael servierte mir zum Frühstück selbstgemachten Wackelpudding und Bananen. Wir zogen uns an, packten mein Fahrrad und Michael schob mein Fahrrad zur Haltestelle der "Flota barrios". Dort warteten wir einige Zeit auf den Bus nach Antofagasta. Als er endlich kam, erklärte uns der Schaffner recht unfreundlich, daß er keinen Platz mehr für ein Fahrrad hätte. Auch der Hinweis auf mein bereits gekauftes Busticket half nichts. Michael ging in das Büro und forderte das Geld zurück. Natürlich gab es noch genügend Platz im Gepäckraum, der Schaffner war nur zu faul gewesen, die Koffer und Taschen ein wenig zu ordnen. Wir gingen zum Busterminal und ein Bus der Gesellschaft "Tramaca" erklärte sich ohne weiteres bereit, mich mitzunehmen. Wir warfen das Fahrrad schnell in den Gepäckraum und verabschiedeten uns für die nächsten 4 Tage, der Bus hatte bereits zur Abfahrt gehupt.

Desert Highway

Ich hoffte, daß Michael die Strecke durch recht öde, gottverlassene Gegend zügig schafft, weil es auf der Strecke kein einziges Dorf gibt, in dem man Wasser oder Proviant bekommen könnte.

Als ich aus den dunklen Vorhängen vorbei aus den Bus blinzelte, erkannte ich, daß wir durch eine Hochebene fuhren und mächtigen Andengipfel nur noch als winzige Hügelchen am Horizont auftauchten. Als wir nach langer und unangenehmer Fahrt endlich in Antofagasta ankamen, machte ich mich auf die Suche nach einem Hotelzimmer. Michael und ich hatten zuvor drei Hotels mit einer Rangfolge ausgemacht, in denen ich nach Zimmern frage. So konnte er mich leicht in der großen Stadt finden. Da das dritte und letzte Hotel, in dem ich endlich ein Zimmer bekam, genau neben dem Busterminal liegt, bei dem ich angekommen war, hatte ich auf meiner Suche in der mittaglichen Hitze von Antofagasta die ganze Stadt einmal durchquert.

Nachdem ich mich von meiner Wanderung ein wenig ausgeruht hatte, ging ich im Supermarkt "Las Brisas" einkaufen und kochte Wienerchen. Vorher mußte ich noch lange nach einem Feuerzeug in meinem Gepäck suchen und bemerkte dabei, wie gut ich eigentlich ausgerüstet war (was mir in der Zwischenzeit entfallen war). Ich saß in meinem Einzelzimmer (was in Chile keinen Aufschlag kostet) auf dem Bett und betrachtete die Landkarte. Noch ca. 213 Kilometer von hier bis nach San Pedro de Atacama. Die Strecke von Tocopilla nach San Pedro de Atacama wollten wir mit dem Bus fahren, einen Zwischenstop in Calama machen und zu den Geysieren fahren. Ich freute mich schon dermaßen auf Bolivien, daß ich es kaum erwarten konnte. Ich wollte hoch in die Anden, dem Himmel ganz nah sein und ich stellte mir vor, wie der Himmel dort aussehen müßte und freute mich auf die Panflötenmusik der Bolivianer. Ursprünglichkeit und Natur, das stellte ich mir vor, würden mich dort erwarten. Andererseits bedeutete Bolivien auch Abschied, weil ich von La Paz aus heimfliegen wollte, und das machte mich traurig. Doch es gab wenig, eigentlich keine Alternative und außerdem rief mich das schlechte Gewissen nach Hause, Bewerbungen zu schreiben. Ich versuchte, die Gedanken zu verdrängen, weil mir ja immerhin noch zwei weitere Monate hier in Südamerika bevorstanden.

Hier geht es weiter: August 1995

© Marion Hetzelt. Das Kopieren von Inhalt und Bildern in irgendeiner Form ist nicht gestattet.

 

ein paar tausend Kilometer Abenteuer