Es geschah am Morgen des 6.5.1999, nach dem Spiel FC Schalke 04 gegen den SSV Ulm, Halt. Nee. Der BVX war es. Aber wenn sich die jubelnden Zuschauer in der Westfalenbaracke schon nicht einig sind, welcher Mannschaft sie jetzt zujubeln sollen, dann werde ich ja wohl auch unsicher sein dürfen bezüglich des Namens oder?? ;-))

Es war also am Donnerstag, 6. Mai 1999. Wie nach einem Derby üblich, stand ich etwas später auf und schätze meinen Restalkohol. 1,3; 1,4. Na ja: 1,6 werden es wohl noch gewesen sein. Zunächst mal legte ich eine Videokassette ein und schaute mir RAN vom Vorabend an, weil ich während des Spieles so zwei bis drei "glasklare" Elfer für Schalke und mindestens eine "Rote" für die Lüdenscheider gesehen habe (ebenfalls üblich beim Derby. ;-)

Nun. Was soll ich sagen. Werner Hansch war mal wieder in "Hochform". Ich habe mich so aufgeregt, dass ich mich sofort hingesetzt habe und eine eMail an diese Dauerwerbesendung geschickt habe:

Sehr geehrte Damen und Herren,

am gestrigen Abend war ich einer der Besucher des Bundesligaspiels
FC Schalke 04 - Borussia Dortmund. Da ich Anhänger des FC Schalke 04
bin, habe auch ich gepfiffen, als Herr Lehman den Platz betrat. Auch
die "Judas raus"-Rufe wurden von mir mitgemacht. Es handelte sich um
ein Derby und während eines solchen kochen die Emotionen hoch.
Glücklicherweise bleibt es seit einigen Jahren dabei und
Auseinandersetzungen körperlicher Art gehören der Vergangenheit an.
Selbst Herr Lehmann hält diese Art der Unmutsbekundung für völlig
legitim und im Ruhrgebiet halt auch für normal.

Was Herrn Hansch betrifft, so hat er die Unwahrheit gesagt. Er
behauptet, wir hätten ihn, J. Lehmann, nie gemocht. Das ist nicht
wahr. Allerdings wußten wir immer schon, dass er ein wenig arrogant
ist. Arroganz und Intelligenz schließen sich nämlich nicht aus, auch
wenn Herr Hansch das glauben mag. Die Auffassung bezüglich der
Arroganz des Herrn Lehmann teilten und teilen wir immer noch mit den
Fans des BVB.

Durch die Äußerung Ihres Reporters "Die Dummen verwechseln Intelligenz
manchmal mit Arroganz" fühle ich mich persönlich beleidigt. Ich habe
auch studiert und bin als Anwendungsentwickler tätig. Also bin ich
keinesfalls dumm. Wenngleich man "Dummheit" beileibe nicht am Beruf
festmachen kann. Ich habe meinen Anwalt am heutigen Morgen gebeten,
sich das Spiel nochmals auf Video anzuschauen und zu prüfen, ob eine
Beleidigungsklage Aussicht auf Erfolg hätte.

Desweiteren haben sich Herr Hansch und Herr Wontorra nicht gerade mit
Ruhm bekleckert. Bei einer, durchaus fragwürdigen, Situation im
Dortmunder Strafraum, in dessen Folge Tapalovic zu Fall kam, sprach Herr
Hansch von einer Schwalbe. Sogar von einer fälligen gelben Karte war die
Rede. Vergleicht man diese Situation mit dem Elfmeter für die Borussia
am Sonntag in Duisburg, lag ein Strafstoß durchaus im Bereich des
Möglichen.

Herr Wontorra machte das Maß dann voll. "Im letzten Aufeinandertreffen
der beiden konnte Jens Lehmann noch den Ausgleich erzielen." Das letzte
Spiel endete 3:0 für Dortmund. Das Spiel, von dem Herr Wontorra sprach,
fand am 19.12.1997 statt und war mit Sicherheit NICHT das letzte
Aufeinandertreffen der beiden Teams. Und dass der BVB seit 17
Auswärtsspielen ohne Sieg ist, wie Herr Wontorra zu behaupten pflegte,
kann ja wohl auch nicht möglich sein. Oder zählen Siege beim VfL Bochum
etwa nicht mehr?

In Anbetracht der Leistungen Ihrer Reporter und Moderatoren, sowie des
Verhältnisses von Fußball zu Werbung und Interviews in Ihrer Sendung
(47 Minuten Fußball in zwei Stunden) sehe ich einer möglichen Vergabe
der Übertragungsrechte an einen anderen Sender mit Freude entgegen.

Für den Fall, dass mein Anwalt einer Klage positiv gegenübersteht und
ich von Ihnen nichts höre, das man als eine Entschuldigung
interpretieren kann, werden sie noch von mir und meinem Anwalt hören.

Mit trotzdem freundlichen Grüßen

Markus C.


Dies ist übrigens auch die einzige Mail, die Werner Hansch zu sehen bekommen hat. Die online-Redaktion hat nur diese Mail an ihn weitergeleitet und mir dann eine Antwort geschickt:


>>> ran 06.05.99 14:50 >>>
Sehr geehrter Herr C.,

vielen Dank für Ihre e-Mail. Ihre Kritik haben wir an die zuständigen
Stellen im Haus weitergeleitet.

Wir bitten Sie bei Ihrem Zorn eines zu beachten: Genauso wie Sie sich
das Recht herausnehmen, als Fan Ihren Emotionen freien Lauf zu lassen,
gibt es in Deutschland das Recht auf Pressefreiheit.
Haben Sie sich einmal überlegt, wie es Herrn Lehmann ergeht, wenn er
sich derartige Äußerungen von seiten der Zuschauer des Vereines anhören
muß, für den er lange Jahre spielte? Klagt Herr Lehmann Sie und die
restlichen Fans etwa an? Finden Sie es gerechtfertigt, einen ehemaligen
Spieler, der jetzt - wie im Profifussball durchaus üblich - für einen
Konkurrenten spielt, verbal zu erniedrigen?

Mit freundlichen Grüßen,
Ihre ran-online-Redaktion


Daraufhin habe ich denen meine Antwort auf die hingeschmierte Frechheit geschickt.

Sehr geehrte Damen und Herren,

wenn Sie sich auf die Pressefreiheit berufen, dann sollten Sie dieses
aber nicht unter dem Deckmantel des objektiven und neutralen
Journalismus geschehen lassen.

Unmutsäußerungen wie die am gestrigen Abend sind in der
Bundesliga etwas absolut Normales. Ich sagte ja schon, dass
Herr Lehmann damit sogar gerechnet hat.

Allerdings ist es, Gott sei Dank, in Deutschland noch nicht üblich,
dass der Reporter eine Zuschauergruppe wegen Ihrer persönlichen
Meinung über die Charaktereigenschaften eines Sportlers als "dumm"
bezeichnet. Denn Herr Hansch hat ja keineswegs die "pfeifenden
Massen" als dumm bezeichnet, sondern jeden, der Herrn Lehmann
für arrogant hält. Da mein Anwalt eine Beleidigungsklage für wenig
erfolgversprechend hält, werde ich aus rein finanziellen Gründen
darauf verzichten. Meine Meinung und die einiger Bekannter von mir
(von denen einige BVB-Fans sind) ändert sich zu diesem Punkt
allerdings nicht.

Und die Leistungen Ihrer Moderatoren und Reporter werden dadurch auch
nicht besser.

Mit freundlichen Grüßen
Markus C.


Anscheinend habe ich da einen Redakteur mit Langeweile erwischt, denn die Antwort von RAN folgte auf dem Fuß:

Sehr geehrter Herr Markus C.,

noch einmal vielen Dank für Ihre e-Mail.

Es mag sicherlich angehen, dass Herr Lehmann mit einer solchen
Reaktion der "Fans" gerechnet hat. Rechtfertigt es deshalb diese
Schmährufe? Oder ist es vielmehr eine negative Erwartungshaltung
seitens Herrn Lehmanns, der sich selbst auf diese Weise auf das
Unverhalten von der Tribüne vorbereiten wollte?!

Unserer Meinung nach gibt es für derartige Publikumsbeschimpfungen
KEINE Entschuldigung, auch wenn Sie das so sehen mögen.

Mit freundlichen Grüßen,
Ihre ran-online-Redaktion


MEINE ANTWORT DARAUF:

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich wiederhole mich ungern aber Sie scheinen da etwas nicht so
richtig mitbekommen zu haben. Herr Lehmann gab sogar zu, dass er
das Verhalten gut fand. "Kurzfristig ist das ok. Nur langfristig
sollte man mich nach meiner Leistung beurteilen." Dieses Verhalten,
diese Emotionsgeladenheit sei einer der Gründe, dass er im
Ruhrgebiet so gerne spiele.

Ich denke, Sie sollten nicht versuchen, verbale Entgleisungen und
mangelnde Sachkenntnis Ihrer Reporter und Moderatoren durch einen
"Nebenkriegsschauplatz" zu überspielen, indem Sie auf völlig
normalen Zuschauerreaktionen, die in der Bundesliga alltäglich sind,
"rumreiten".

Dass es auch anders geht, beweist Thomas Linke, der auch im
Bayerntrikot von den Schalkern gefeiert wird, da er offen zugibt,
dass die Zeit bei Schalke für ihn die schönste Zeit gewesen sei. Sie
scheinen nicht zu wissen, was alles vorgefallen ist. Obwohl man dies
von einer Sportredaktion doch erwarten können sollte.

Mit freundlichen Grüßen
Markus C.


Daraufhin hat diese BVX-Zecke (denn anders kann ich mir sein dummes Geseiere nicht erklären. ;-)) von SAT1-online-Redakteur mir Folgendes geantwortet:

Sehr geehrter Herr C.,

zum dritten Male vielen Dank für Ihre e-Mail.

Sie halten es für "normale" Reaktionen, andere halten es für eine
Unart. Alles eine Frage der Sichtweise, finden Sie nicht? Wir haben
nicht vor, die Äußerung von Herrn Hansch in irgendeiner Art und Weise
zu kommentieren oder Nebenkriegsschauplätze zu schaffen. Wir stellen
Ihnen lediglich anheim, sich zu fragen, ob es wirklich "normal" ist,
andere Menschen zu beleidigen.

Mit wie immer freundlichen Grüßen,
Ihre ran-online-Redaktion


MEINE ANTWORT:

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich finde es bezeichnend, dass Sie eine Beleidigung, die Herr
Hansch an ALLE Schalke-Fans gerichtet hat, mit etwas entschuldigen
wollen, das damit nichts zu tun hat. Der Kommentar von Herrn Hansch
ist durch nichts zu entschuldigen. Ich für meinen Teil werde mir in
Zukunft die Spiele der ersten Bundesliga am Sonntag ab 10:00 Uhr bei
DSF anschauen und hoffen, dass die Rechte möglichst bald den Sender
wechseln.

Allerdings nicht, ohne diesen eMail-Wechsel vorher der lokalen
Presse zu übergeben. Ich bin zutiefst enttäuscht, dass ein so großer
Sender wie der Ihre, unkommentiert Beleidigungen sendet und
Propaganda macht. Ich hatte gehofft, diese Zeiten seien in
Deutschland vorbei.

Eine Antwort erwarte ich nicht.
Zutiefst enttäuscht.
Markus C.


Na ja. Ich gebe zu: Der Schluß war evtl. ein wenig überzogen, aber der Typ ging mir echt auf den Sack. So weit, so gut. Am darauf folgenden Dienstag war der Zorn verraucht und die Sache schon fast vergessen, als etwa gegen 12:40, 12:50 mein Telefon im Büro schellte. (Ich sollte vielleicht erwähnen, dass im Absender meiner Mails die Domain meines Arbeitgebers auftaucht. Natürlich bekommt man dann unter der Domain meinen Arbeitgeber angezeigt, incl. Rufnummer der Telefon-Zentrale). Ich schaute aufs Display: 0231/... Bäh. Wer ruft mich denn da ausser verbotenen Stadt an?

(Das Telefonat ist aus der Erinnerung wiedergegeben. Nagelt mich also nicht auf Zitate fest.)

Ich: C..
Anrufer: Herr Markus C.?
I: Ja.
A: Guten Tag, Herr C.. Hier spricht Werner Hansch.
(Ich dachte. Klar. Mörder Gag. Mal abwarten, welcher Trottel dich da verarschen will.)
I: Tach, Herr Hansch!
A: Ja, Herr C.. Ich habe hier einen Brief vor mir liegen, den Sie uns per eMail zugeschickt haben. Er ging an unser Online-Studio in Hamburg, da ich hier im Studio Dxxxmund (von mir zensiert) sitze, habe ich den Brief jetzt erst bekommen. Sie haben da etwas über mich und den Kollegen Wontorra geschrieben. Zu dem Wontorra sage ich jetzt mal nix. Der soll selber anrufen. (Oh Gott. Scheiße. Die Stimme. Der ist das wirklich. Ich war so erschrocken, dass ich erstmal aufgestanden bin. Kein Witz.)
A: Sie haben geschrieben, dass Sie sich beleidigt fühlten. Das kann ich absolut nicht verstehen, wie man sich nach meiner Reportage beleidigt gefühlt haben kann.
I (langsam sicherer werdend): Das können Sie nicht? Herr Hansch. SIE haben gesagt, dass man Herrn Lehmann auf Schalke für arrogant halten würde und die Dummen halt oft Arroganz mit Intelligenz verwechseln würden. DAMIT haben sie den Zuschauern suggeriert, Schalker wären dumm. So einfach ist das.
A: Das habe ich so nie gemeint und konnte mir auch nicht vorstellen, dass man das so auffassen könnte. Wenn es anders wäre, hätte ich das nie so gesagt. Ich habe nie gedacht, Schalker wären dumm.
I: Das hat sich aber anders angehört.
A: War aber nicht so gemeint. Ich hoffe, die Geschichte ist jetzt aus der Welt.
I: Ich habe insgesamt drei eMails an Ihre Kollegen geschickt. Und schon in der zweiten habe von einer Klage abgesehen.
A: Ich habe nur eine bekommen. Ist aber auch egal. Aber der Lehmann, wissen se, der is nicht arrogant. Da können se den Rudi anrufen. Der wird Ihnen das auch bestätigen.
I: Da bin ich anderer Meinung. Aber nun gut. Sie kennen ihn wahrscheinlich besser. Aber wenn man ehrlich ist, dann haben 80% der Zuschauer doch nur gepfiffen, weil sie gehofft haben, dass er nervös wird.
A: Eben. Isser aber nich. Haben se gesehen, wie er datt Dingen aus dem Winkel an die Latte und den Abpraller mit der Hacke über’s Tor?? Obwohl. Da konnt’er nix für. Datt hatter garnich gemerkt. (In der Reportage hatte er noch gesagt: "Haben Sie gesehen, wie er den Ball mit der Hacke über’s Tor lenkt? Was heißt hier Nationalelf? Der Mann gehört in die Weltauswahl!")
I: Jaja. Hat schon gut gehalten. So gesehen hat das Pfeifen nichts gebracht. Wissen Sie. Ich arbeite in Münster. Ich weiß nicht, ob Lehmann wieder in Münster wohnt. Aber WENN er hier wohnt und ich würde ihn in der Stadt treffen, dann würde ich doch auch nicht anfangen "Judas, Judas" zu brüllen. Ich würde ihn vielleicht anstoßen und ihm sagen: "Jens, watt sollte datt mit Dxxxmund denn. Da haste aber echten Mist gebaut".
A: Eben, Herr C.. Sehen wir uns doch mal den Ballack an. Das ist doch auch kein Verräter, oder? Wir beide, wir kennen doch das Geschäft. Mir sagt man zum Beispiel immer nach, ich wäre ein Schalker oder wäre ein Dortmunder. Und das stimmt nicht. Ich mag einfach den Ruhrpottfußball. Wenn ich auf Schalke bin, rufen die Leute: "Guckt mal, da is der Hansch, der Dxxxmund-Fan". Und wenn ich in Dxxxmund bin, nehmen die Leute mich in den Arm und sagen: "Sach ma Werner, bistu einer von uns oder gehörst zu diesem unbedeutenden Gelsenkirchener Vorortverein? Werner, sach nomma GEILET TOR!!"


Das Gespräch dauerte insgesamt ca. 15-20 Minuten. Ich weiß nicht, ob ich etwas Wichtiges vergessen habe, aber ich glaube, das Wichtigste und Lustigste habe ich hier wiedergegeben. Ich könnte mir heute noch in den Arsch beißen, dass ich mir die Numemr auf dem Display nicht aufgeschrieben habe. Aber wenn ich mal auf Schalke bin und der Hansch ist da, spreche ich ihn darauf an.


Seitdem denke ich zwar immer noch, der Hansch labert Blödsinn. Aber nun weiß ich, dass der das mit Absicht macht. Weltauswahl. Mann, was habe ich mich aufgeregt und dann sagt er zur mir: "Da konnter nix für". Der Wontorra hat sich übrigens nie gemeldet. Ich finde es gut, dass der Hansch sich selbst darum gekümmert hat. Er is halt 'n Junge aussem Pott.




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