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Märchentour 2010 - Nach Pyhra im Weinviertel

Der Tag begann mit einem Schreck. Jemand hatte nachts meine Maschine umgeschmissen. Ich stellte sie wieder auf und machte einen Startversuch. Sie sprang sofort an. Dann besah ich mir die Schäden genauer. Dabei entdeckte ich Kratzspuren am rechten Lenkerendgewicht, am rechten Sturzbügel und an den beiden Fußrasten. Auch der Angstnippel an der Fußraste war abgebrochen. Wenn das alles war konnte ich noch zufrieden sein. Mein Motorrad hatte ich auf dem Parkplatz vor dem Gasthof abgestellt. Da kam die Gastwirtin hinzu und sagte, sie wisse wer das war. Der letzte Gast . . . ein 79 Jahre alter Mann . . . nachts um 1:30 Uhr . . . hatte beim Rangieren auf dem Parkplatz mit seinem Firmenkleinlaster mein Motorrad übersehen. Sie kenne natürlich den Namen und es täte ihr alles sehr leid. Der Mann hatte nichts bemerkt. Wenn ich eine Anzeige machen würde stände also Fahrerflucht mit allen Konsequenzen für ihn im Raum, sagte der Dorfpolizist, der schon da war. Und das nach 60 Jahren unfallfreiem Fahren! Ich wollte erst mal die wirklichen Schäden feststellen. Der Stoß des Sturzbügels ging auf den Rahmen. Wenn der verzogen wäre, würde die Maschine nicht mehr vernünftig geradeaus laufen. Das Lenkkopflager bekam einen Schlag über das Lenkerendgewicht. Eine Beschädigung des Lagers würde ich beim Fahren schnell merken.

Also fuhr ich nach dem Frühstück erst mal los. Die ersten Kilometer etwas vorsichtig, aber nach den ersten schwungvollen Wedelstrecken auf der Mostviertler Höhenstraße nördlich von Waidhofen an der Ybbs in Richtung Donau begann ich wieder ein Liedchen zu pfeifen. "Oh my Darling . . .". Die kleine BMW fuhr super, es war alles in Ordnung. So einen Umfaller muss sie eigentlich auch aushalten.

Die Donau erreichte ich unweit der alten Burgruine Freyenstein. Ich folgte der Donau flussabwärts einige Kilometer bis zum Donaukraftwerk Ybbs-Persenbeug. Die Straße auf der Staumauer des Kraftwerkes verbindet die beiden Städte Ybbs an der Donau und Persenbeug. Das Kraftwerk wurde 1959 in Betrieb genommen und 1996 erweitert. Aus der kostenlosen Grundenergie, dem Donauwasser, werden seither pro Jahr 1.339,5 Gigawatt Strom gewonnen. Es gab keinen einzigen Ausfalltag. Selbst als 1996 eine neue, zusätzliche Turbine gebaut und in Betrieb genommen wurde lief das Kraftwerk mit voller Leistung weiter. An Kosten fallen nur die Kraftwerkserhaltungskosten an. Dagegen das Märchen des sooo günstigen Atomstroms in Deutschland. Allein die Erforschung des Salzstockes in Gorleben, ob er als Endlager für die ausgebrannten Brennstäbe geeignet wäre, kostete bisher 1,3 Milliarden Euros. Weitere 1,5 Milliarden sollen folgen. Dann hat man ca. 30 Jahre ergebnisoffen unter ständigen massiven Protesten der Bevölkerung geforscht. Und die Grundenergie zur Stromerzeugung, die Uranbrennstäbe, findet man auch nicht kostenlos in der Natur. In eine ehrliche Stromerzeugungskostenkalkulation muss man doch alle Kosten vom Uranbergbau bis zum Bau und Unterhalt des Endlagers mit einbeziehen, oder nicht? Zudem hat die Donau durch die Kraftwerke einen relativ gleich bleibenden hohen Wasserstand. Gerade im Stromabschnitt oberhalb von Ybbs-Persenbeug, dem Strudengau, gab es in früheren Jahrhunderten bei Niedrigwasser durch die vielen Felsen im Flussbett immer wieder mal große Schiffsunglücke. Am Nordufer der Donau fuhr ich zunächst ca. 15 Kilometer nach Westen, stromaufwärts, ehe ich bei dem Dorf Sarmingstein nach Norden abbog. Direkt vom Flussufer weg gelangte ich über einige knackige Serpentinen in das Mühlviertel von Oberösterreich. Nun war ich wieder in einem erstklassigen Scarverrevier angelangt. Über unzählige, schwungvolle Kurvenkombinationen erreichte ich zwei Stunden später zunächst Zwettl und dann die Kamptalstauseen.

In Zwettl wollte ich die Stiftskirche besichtigen. So eine alte Wallfahrtsbasilika ist immer prächtig ausgeschmückt. Vor allem ist es innen immer schön kühl. Das war genau das was ich im Moment gut hätte gebrauchen können. Es war nämlich wieder sehr heiß geworden. Leider wurde die Stiftskirche gerade renoviert, so wurde es nichts mit der gewünschten kühlen Kultur-Pause.

Der Kamp wird an drei Stellen aufgestaut. Die dadurch entstandenen Seen, der Ottenstein-Stausee, der Dobra-Stausee und der Thurnberger-Stausee schließen direkt aneinander an. Der örtliche Tourismus wird durch die drei Seen, die über dem Ottenstein-Stausee thronende Burg Ottenstein und die Ruine Lichtenfels ordentlich belebt. Die Burgruine Lichtenfels ist heute auf einer kleinen Halbinsel im See, vor der Flutung des Kamptales war sie auf einem Berggipfel. Die Flusskraftwerke an der Donau laufen ständig, sie produzieren damit die Grundlast an elektrischer Energie. Die aufgestauten Wassermassen des Kamps hingegen werden immer nur kurz bei hohem Stromverbrauch durch die Kraftwerksturbinen gelassen. Damit decken sie die Spitzenlast an benötigter elektrischer Energie ab. Mein nächstes Ziel im Kamptal war die Rosenburg. Die im 12 Jhdt. erbaute Burg wurde im 16. Jhdt. zu einem der schönsten Renaissanceschlösser Österreichs umgebaut. Neben dem Schloss selbst kann man hier viele kulturelle Veranstaltungen wie Kunstausstellungen besuchen. Oder ein einzigartiges und unvergessliches Erlebnis sind die täglich stattfindenden Freiflugvorführungen des Renaissancefalkenhofes Rosenburg. Neben Adlern, Falken und Eulen zeigen auch Giganten wie der seltene Riesenseeadler oder Gänsegeier mit Flügelspannweiten von bis zu 3 Metern ihr Können über der Schlossanlage und dem nahen Kamp. Von der Rosenburg sind es nur wenige Kilometer bis zum Wallfahrtsort Maria Dreieichen zwischen Horn und Eggenburg. Durch die Lage auf dem Manhartsberg ist die reich geschmückte barocke Basilika schon von weitem zu sehen. Die Basilika ist umlagert von Verkaufsständen und Gastwirtschaften für die vielen Wallfahrer und Touristen, die hierher kommen. Der Manhartsberg trennt das Waldviertel vom Weinviertel, in dem ich meine Tour fortsetzte. Der Weinanbau bestimmt hier in weiten Teilen die Landschaft. Im Pulkautal ist der Weinanbau seit dem 13. Jhdt. nachgewiesen. Von der Weinstadt Retz im nordwestlichen Weinviertel sagt man, dass die Weinkeller unter der Stadt größer seien als die Straßen und Plätze in der Stadt. Ein kleines Stück südlich der tschechischen Grenze fuhr ich weiter nach Osten in der sanften Hügellandschaft des Weinviertels bis nach Laa an der Thaya. Die Ortsnamen kannte ich hier bereits alle aus meiner Kindheit und Jugend, die ich ja in der Mitte des Weinviertels in Niederösterreich verbrachte. Von Laa fuhr ich noch ca. 25 gemütliche Kilometer nach Süden, bis nach Pyhra, meinem Heimatdorf. Zum Abschluss des Tages gönnte ich mir noch eine Fahrt über den Buschberg, dem höchsten Berg des Weinviertels um die Serpentinen auf der Buschbergstraße zu genießen und um die Felder von Pyhra zu betrachten. Als Bauernsohn kamen da viele Erinnerungen hoch an die Feldarbeit auf den elterlichen Äckern vor ca. 40 Jahren.

Um 17:00 Uhr traf ich auf dem ehemaligen Bauernhof meiner Eltern ein. Mein Bruder und meine Schwägerin erwarteten mich bereits. Als erstes ging ich unter die Dusche. Das T-Shirt bekam ich kaum über den Kopf, so schweißgebadet war ich. Es war am Nachmittag drückend schwül-heiß geworden. Das reinigende Sommergewitter blieb aber aus. Ich rief dann noch beim Wirt des Gasthauses in Gaflenz an und teilte ihm mit, dass wohl keine weiteren Schäden an meiner Maschine wären. Mit Schmirgelpapier und ein paar Tropfen schwarzer und silberner Farbe würde ich den geringen optischen Schaden selbst beheben. Eine Anzeige gegen den alten Herren wollte ich nicht machen. Die abgebrochene Fußraste wollte ich nach der Tour ersetzen und die Rechnung darüber zu dem Herrn nach Gaflenz schicken.

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Märchentour 2010 - Nach Donaustauf bei Regensburg

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