Fünfundzwanzig Augenpaare schauten durch Binsen einer Sanddüne hinunter zum »Mönch am Meer«. Die düstere Wolkenwand kam näher, die schon im Wetterbericht angekündigten Sturmböen wurden stärker … Sollten wir dem Mann etwas zurufen? – »Er ist so allein« …
Fünfundzwanzig Schüler, einer 6. Klasse einer Berliner Grundschule, saßen in der damaligen »Galerie der Romantik« im Schloss Charlottenburg vor dem Bild von Caspar David Friedrich und es war schlicht eine grundlegende Überzeugung und auch mein erster einführender Impuls, dass es vorerst völlig genüge, nur seinen Augen zu trauen: »Einer von uns sechsundzwanzig wird etwas entdecken« …
Mit einer weiteren Lerngruppe ging ich an die »Meeresküste bei Mondschein« (ebenfalls C.D.Friedrich) und wir beobachteten die Fischer am Feuer. Dann wieder folgten wir dem geheimnisvollen Boot und fuhren auf die »Toteninsel« zu (Böcklin) oder wir verliefen uns, unseren sehr lebhaften Vorstellungen folgend, in der »Gebirgsschlucht im Winter« (Blechen).

»Anflug auf die Felseninsel«, Schülerarbeit 6. Schuljahr, Eitempera-Malerei
Immer halfen mir Ortskunde und Imagination, ein Gespräch der Schüler angesichts der Bilder zu initiieren, Erkenntnisse zu vermitteln und wunderbare Malereien oder das Schreiben spannender Geschichten zu unterstützen. Das Setzen der Impulse fiel mir leicht, denn diese »Orte« zogen mich schon immer an, ich kannte ihre geografische Struktur und ihre Eigenart, das Erfinden von Geschichten geradezu herauszufordern. So waren es Inseln, Höhlen, ein Gletscher in Norwegen, Schluchten, Klippen, das Meer, die weiten Strände bei jedem Wind und Wetter und schließlich auch die Leuchttürme bzw. Lighthouses meiner Reisen, die, auf eine spezifische Art fotografisch bzw. sprachlich bildhaft vermittelt und durch Textzitate zusätzlich »dramatisiert« im Kunst-und Deutschunterricht wieder gegenwärtig wurden, natürlich unter vielem anderen …
Übrigens gefällt mir das englische Wort »Lighthouse« in diesem Zusammenhang besser. Es klingt für mich fremder und drückt gleichzeitig Ferne aus, aber auch etwas Schützendes, Bewohnbares. Zudem wirkt das Wort »Licht« auf mich erst einmal abstrakter und universeller bezüglich meiner Vorhaben aber auch viel kraftvoller und strenger in den künstlerischen Beurteilungsmöglichkeiten als das bloße »Leuchten« und einer meiner zentralen Impulse im Kunstunterricht war immer die Frage: »Woher kommt das Licht?«
Stell Dir einmal diese Frage vor Blechens »Gebirgsschlucht im Winter« und sieh mit den Augen eines zwölfjährigen Schülers, der auf einer Klassenreise den Anschluss an seine Gruppe verloren und sich verlaufen hat, dann wird Dich wahrscheinlich ebenfalls eine gewisse Imagination ergreifen.

»Meeresküste bei Mondschein« , nach C.D. Friedrich, Schülerarbeit, 6.Schuljahr
Übrigens immer, wenn ich mich vor der Galerie der Romantik von einer meiner Klassen verabschiedet hatte, erfüllte mich, während ich über den Vorplatz des Schlossgartens ging, ein Gefühl von Zufriedenheit und Dankbarkeit. Zufrieden war ich mit den Beiträgen der Schüler, angesichts ihrer ersten Textentwürfe, ihrer ersten Skizzen von mit Mondlicht beschienenem Felsgestein. Meine Dankbarkeit galt der Tatsache, dass ich wieder einmal vor einem Original unterrichten konnte, und ich fühlte, dass es gelungen war, zwar nicht allen, doch etlichen meiner Schüler den eigentlichen Kern dieses Gefühls zu vermitteln, Authentizität.
Ja, und »Woher kommt das Licht?« So wurden für mich die Galerie der Romantik und später dann die Alte Nationalgalerie Arbeitsstätte und »Lighthouse« zugleich.

»Felseninsel«, Schülerarbeit, 6.Schuljahr, Eitempera-Malerei
Am Neist Point, weit im Westen der Insel Skye steht ein Lighthouse. Dort muss auch eins stehen. Skye wird von seiner Form her oft mit einem Hummer verglichen und die Duirinish-Halbinsel wäre dann die ganz linke obere Schere. An ihrer äußeren Steilküste zum Atlantik hin – da befindet sie sich, eine hoch aufragende, vorgelagerte Klippe, Neist Point. Wind, Brandungsrauschen und Vogelrufe. Basstölpel stürzen sich in steilem Flug aus großer Höhe senkrecht ins Meer, auf der Suche nach Nahrung. Mit ihren Augen, die offensichtlich besonders das Scharfsehen ermöglichen, erkennen sie das Aufblitzen der Leiber eines Fischschwarmes in den tief unten anbrandenden Wellen. Das ist schier unglaublich. Während eines schraubenden Sturzfluges dienen nur knappe Flügelschläge einer Feinsteuerung, schon schnappen sie sich den Fisch. Dir wiederum trägt ein kräftiger Seewind salzige Gischtflocken entgegen, denn die Wellen schlagen schwer und hoch aufschäumend gegen schwarzen Basalt. Was für eine 3D-Aufnahme bietet sich an, – all das tosende, hoch emporschießende Wasser! Auf stufigen Plateaus, ein ständiges Auf und Ab vom Lighthouse hinunter zu den anbrausenden Wellen, haben Touristen aus unzähligen Schieferplatten und kleinen Basaltblöcken Steinmale errichtet, so als müsste jeder zwar wieder gehen, doch unbedingt etwas zurücklassen, um ein Wiederkommen zu beschwören. Ich jedenfalls! Solch ein geografischer »Punkt« ist das; viermal habe ich ihn schon aufgesucht und eine meiner Fotografien wird nun in die Weltkarte bei Google Earth bzw. Flickr eingebunden, mit einem Geotag versehen. So entsteht auch eine Karte meiner persönlichen Erdungen…Punkt für Punkt. – Bezugspunkte eines sich selbst Vergewisserns, khnemos Ankerplätze.

–Neist Point, Isle of Skye, Duirinish, Scotland, 3D-anaglyph
Der Faro auf El Hiero, an der Punta de Orchilla, natürlich ebenfalls im Westen der Insel, allerdings in einer nur mit autofahrtechnischen Mühen und Strapazen erreichbaren recht einsamen und sehr trockenen Landschaft gelegen, galt einst als das Ende der Alten Welt. Bis 1883 führte nach dem ptolemäischen Weltbild der Nullmeridian durch diesen Punkt. Auch hier, neben einigen anderen Orten an der spanischen Costa de la Luz, könnte für »1492« von Ridley Scott jene wunderbare Szene aufgenommen worden sein, in der Columbus (Gerard Depardieu) seinem Sohn anhand einer Orange und einem am Horizont auftauchenden Segelschiff erklärt, dass die Erde eine Kugel sei.
Die Folgen des hier eigentlich immer wehenden Passats kannst Du oberhalb des Faros bestaunen und möglichst im späten Nachmittagslicht fotografieren. Es sind in der Nähe des Dorfes Sabinosa die vom Wind regelrecht verformten, in eine Richtung, phantasievollen Frisuren gleich, getrimmten urtümlichen Wacholdergewächse, die Sabinae. Doch wie kommt man rechtzeitig, vor Einbruch der Dunkelheit, mit dem Auto in die bewohnten Gegenden der Insel zurück?

–Sabinae, El Hiero, Isla Canarias, 3D-anaglyph
Das Fyr auf der dänischen Ostseeinsel Møn, eher ein Lighthouse als ein Leuchtturm, erreiche ich meist etwas müde nach einer langen Strandwanderung unterhalb der steilen, hohen Kreidewände von Møns Klint. Es läuft sich wahrlich schwer über dieses dichte Geröll von Flintgestein. Doch der Reiz, der mich regelrecht danach süchtig werden lässt, ist der Kugelflint. Eine diesbezügliche Information aus einem Paddel-Handbuch ließ mich vor 17 Jahren zusammen mit meinen Kindern das erste Mal nach Møn fahren. Meine Kinder versorgte ich mit Zimtschnecken und bat sie entsprechend, mit Ihrem Papa viel Geduld zu haben. Ich fand… – eine einzige steinerne Kugel und war unendlich stolz. Auf weiteren Reisen verfeinerte ich das Suchsystem und der magische Trick, an den ich persönlich fest glaube, ist der: Finde unbedingt eine erste Kugel … Diese drehst bzw. rollst Du während der weiteren Suche unablässig zwischen den Fingern der rechten Hand…und siehe da, die Kugel wird zum Lotsen und führt zur nächsten Kugel usw. … Wahrscheinlich werden spezifische Kugeleigenschaften von den Fingern ertastet und ins Wahrnehmungsfeld des Sehens übersetzt. Oder? Meine Tochter wird das wissen. Jedenfalls erreiche ich das Fyr immer mit Jackentaschen voller Kugeln. Wer mein Zuhause kennt, glaubt das sofort. Ab und zu wirst Du übrigens mit einer Kugel belohnt, die klappert, ein sogenannter Rasslesten. Derartige Exemplare habe ich sogar in der Bonner Ausstellung »Wunderkammern des Abendlandes« gesehen. Sie galten also schon im 17-18. Jh. als etwas Besonderes und Rätselhaftes und wurden für Wert befunden, in die Kunstkammern der Fürstenhäuser eingegliedert zu werden. Nun, dann passen sie auch in meine Wohnung. Doch es gilt immer eine Voraussetzung: Die körperliche Fortbewegung beim Suchen, also das adäquate Schneckentempo, darf 20 bis 30 Meter in fünf Minuten nicht überschreiten, noch einmal: 30m/5min. – höchstens! Falls du mit Kindern unterwegs bist, – sorge für eine ausreichende Menge an Zimtschnecken!

–Møns Klint

–das Kugelspiel, Møn, Fotomontage: »Daneflint«
Schräg gegenüber von Vammerviken wird die nordöstliche Uferlinie des Västra Silen deutlich unterbrochen. Aus einer Bucht, –in ihrer Mitte ist eine Vogelschutzinsel gut sichtbar, führen kleine Wasserarme zwischen Felseninseln hindurch weiter hinein in ein kleineres Seengebiet, von Wald, Feldern und typisch schwedischen Gehöften und Sommerhäusern gesäumt. Folgst Du geradeaus der nördlichen Durchfahrt, sie verengt sich allmählich auf ca. 50m, so gleitest Du mit Deinem Boot nach einer sanften Linkskurve in einen kleinen Waldsee hinein, ca. 250 m im Radius groß, und genau in der Mitte entdeckst Du wieder eine Insel, von der eine schmale Felsenzunge nach Südwesten in den See hineinragt. Sie ist das Ziel. Links wiegen sich hohe Grasbüschel im Wind, bis zur Spitze der Felsennadel hin aufgereiht und rechts bildet das Gestein eine schräg abfallende Kante, auch unter der Wasseroberfläche so passgenau geformt, dass sich die Nautilus regelrecht anschmiegen kann. In der Mitte nun findet gerade noch ihr Kapitän Platz, lang ausgestreckt auf dem warmen Felsen. Ich kenne keinen schöneren und gleichzeitig so romantischen Ort zum Schwimmen, Träumen, Lesen … – Rings herum Wald, Nadelgehölz und Birken, Felsen auch am Ufer, eine in grau, grün und ocker gehaltene Farbigkkeit der Flechten und Moose, dazu das Rotviolett des Heidekrautes, die helle bläulich-graue Spiegelung des Himmels in der Wasseroberfläche und hier und da schimmert oliv ein Unterwasserfelsen durch. Gleich einem Blatt möchtest Du auf dem warmen Oberflächenwasser dahintreiben, nur ab und zu die prickelnde Kühle der tieferen Schicht spüren. Es ist immerhin schon Ende August. Ganz still ist es …
Zum vierten Mal im jährlichen Rhythmus schmiegt sich die Nautilus an diesen einen, ihren Felsen, als sei er ihre heimatliche Kaimauer …

–die »Nautilus« am Inselkai, Västra Silen, Schweden
… ein Einschub …
»Schluss ist mit guten Nachrichten, egal worüber. Das Immunsystem unseres Planeten versucht, die Menschen abzustoßen. Und genauso, wie es das macht, macht man so was …
… „Willkommen auf Erden, junger Mann”, sagte ich.
„Im Sommer ist es heiß, und im Winter ist es kalt. Sie ist rund und nass und überfüllt. Auf ihrer Oberfläche, Joe, haben Sie, grob gerechnet, hundert Jahre zu verbringen. Es gibt nur eine Regel, die ich kenne: Verdammtnochmal, Joe, Sie müssen freundlich sein!”«
(aus »Mann ohne Land« von Kurt Vonnegut, übersetzt von Harry Rowohlt, Pendo-Verlag, 2006)
Warum ich zu all diesen Orten immer wieder so gern zurückkehre?
Ich glaube, es ist zum einen die Hoffnung danach, ein ganz bestimmtes Gefühl des »geerdet seins« wiederzufinden; oder auch gar die oft beschriebene Sehnsucht nach dem Erhabenen und Einzigartigen. Es ist eine für mich spezielle Form der Ortskundeprüfung und diese Orte entsprechen mir in vielfältigen Details ihrer durchaus unterschiedlichen Natur. Zum anderen ist dieses Zurückkehren für mich eine sehr gute Herausforderung und auch eine Grundlage, darüber nachzudenken, was sich von Jahr zu Jahr oder auch in größeren zeitlichen Rhythmen verändert in meinem Leben, wie sich bestimmte Lebenströme entwickeln, Ziele ins Auge gefasst und wieder verworfen werden und welche Herausforderungen ich annehmen will oder muss. Da das naturgemäß nicht immer zu positiven Ergebnissen führt, brauche ich das Gefühl der Zuversicht und der Kraft, das mir von diesen so spektakulären, spannenden, die Neugier weckenden, zu erkundenden, oder nur schlicht eine tiefe Ruhe ausstrahlenden Landschaften, Klints, Points & Lighthouses vermittelt wird, eben dadurch, dass ich da war. Das meine ich mit dem »sich geerdet« fühlen. Sehr lange schaue ich mir immer bei jedem Aufsuchen Dobbiacos dieses eine kennzeichnende Bergpanorama im ersten Abendlicht an – »eine einfache Ordnung«.

–eine einfache Ordnung
… zweiter Einschub …
In »Warten vor dem Nichts« von Kurt Tucholsky fand ich folgenden Text:
Wer immer da ist, wo er ist,
der sieht zum Schluss nicht mehr.
Er sieht die Bäume, die Zweige und die Äste -
den Wald sieht am besten der, der noch nie einen gesehen hat.
Du wirst es sicher kennen, – dieses Gefühl sich immer selbst mitzunehmen,
die eigenen Vorlieben, die Ängste, Sorgen, Pläne, Erinnerungen… – Ich persönlich finde es häufig sehr schwer, mich selbst einfach stehen und weit hinter mir zu lassen, um dann vielleicht »den Wald das erste Mal zu entdecken«. Häufig hilft mir das Fotografieren dabei, weil das die Berücksichtigung einer sachlichen Logik herausfordert und daher so manches andere vergessen lässt.
Als Aufhebung aller Romantik gemeint füge ich hier schließlich die »Weihnachtsgeschichte« von Heinz Rudolf Kunze hinzu, die mir mein Sohn einmal schenkte. Sie besagt schlicht, dass man zuweilen auch »sparsamen Gebrauch« von der Natur machen sollte – Eine bittere Geschichte und wieder ein Bild – gewissermaßen vom anderen Ende meiner persönlichen Welt …
khnemo, geschrieben in Vammerviken, 25. bis 29. August, 2007
Eine Weihnachtsgeschichte
Sie fahren übers Fest
an den Rand vom Land
ein Hafenstädtchen hart am Wind
nach so vielen Jahren
zurück an den Ort
wo sie sich fanden kätzchenblind
Der Schnee fällt pünktlich
sie sprechen nicht viel
und trinken schwarzen Tee
sein Herz ist aus Bernstein
in der Mitte eine Fliege
die tut beim Träumen weh
Am Heiligen Abend
alle Fenster warm und hell
gehen sie hinaus ans Meer
der Schnee beißt ins Gesicht
der Wind faucht Flüche
er kommt von sehr weit her
Als der Wind plötzlich dreht
überlegt er nicht lang
und breitet seine Arme aus
der Wind nimmt Anlauf
und trägt ihn sehr höflich
auf die dunkle See hinaus
HRK