Festvortrag von Walter Pätzold, Leiter der Schwarzwälder Pilzlehrschau in Hornberg im Schwarzwald, zum 25jährigen Bestehen der "Arbeitsgemeinschaft Mykologie Ulm" am 22. September 2001:

Sehr geehrter Herr Prof. Dr. Weberling, sehr geehrter Herr Dr. Schäfle, sehr geehrter Herr Dr. Hartung, sehr geehrter Herr Dr. Jankow, liebe Pilzfreunde und Freunde der AMU aus nah und fern,

25 Jahre Arbeitsgemeinschaft Mykologie Ulm

das sind 25 Jahre im Dienste der Mykologie im Allgemeinen und 25 Jahre im Dienste der Taxonomie und Systematik im Besonderen.

Es ist nicht gerade gebräuchlich, dass eine mykologische Arbeitsgemeinschaft nationales Interesse erregt. Schaut man sich jedoch die Arbeit der Jubilarin an, so ist unschwer zu erkennen, dass sie nicht nur nationales Interesse verdient, sondern dass sie ein nationales Vorbild ist und vieles von dem, was unter ihrem Dach erarbeitet wurde, internationale Maßstäbe setzte und setzt.

Dies betrifft unter anderem auch die Deutsche Gesellschaft für Mykologie, in deren Namen ich hier sprechen darf und von der ich die herzlichsten Glückwünsche des Präsidenten, Herrn Professor Dr. Reinhard Agerer und des gesamten Vorstandes übermittle.

Vor der beglückwünschten mykologischen Arbeitsgemeinschaft gab es neben der zwei Jahre früher gegründeten AMO gebräuchlicherweise in Deutschland "Pilzfreunde", "pilzkundliche .... für irgendwas, oder eben "Verein für Pilzkunde", wie auch die Deutsche Gesellschaft für Pilzkunde. 1977, also nach der AMU-Gründung und nach deren Vorbild lag dem Vorstand der DGfP ein Antrag auf Namensänderung vor, der auf Initiative der Ulmer, namentlich auf die von Manfred Enderle zurückging. Die Deutsche Gesellschaft für Pilzkunde beschloss der Zeit gemäß ihren Namen internationalem Standard anzupassen, in deutsche Gesellschaft für Mykologie zu ändern und damit in aller Welt verständlich zu machen.

Manfred Enderle ist ohnehin der Ursprung und die Identität, wenn man über "die Ulmer" spricht. Am 6. Dezember 1976 war er es, der zur offiziellen Gründung einer mykologischen Arbeitsgemeinschaft einlud. Als Sprecher, bzw. Vorsitzender fungierte er dann die folgenden 9 Jahre. Drehscheibe der Vereinsarbeit war der monatliche mykologische Stammtisch im Vereinslokal. Regelmäßige Stammtischbesucher waren unter anderem einige heute noch in der Verantwortung stehende, wie z. B. der derzeitige 1. Vorsitzende, Gerd Fischer oder das weithin bekannte Erfolgsautoren-Team in Sachen Natur, Naturschutz und Mykologie: Hans und Helga Laux.

1985 wollte Manfred Enderle die Arbeit auf andere und vor allem mehr Schultern verteilen, denn bis dahin war er – ohne vereinsrechtlichen Richtlinien zu entsprechen – aber gleichwohl effizienter Vorsitzender, Kassier und Schriftleiter gleichzeitig. Besonders das Amt der Schriftleitung war bei ihm in guten Händen, er hatte bereits 26 Fachaufsätze und umfangreichere Bearbeitungen von Pilzen publiziert und 9 Taxa allein, bzw. zusammen mit so bekannten Mykologen, wie Stangl, Bon und Boekhout beschrieben. Ein Ausdruck der Notwendigkeit pilzfloristisch, systematisch und taxonomisch über die Pilze des Ulmer Raumes zu berichten war konsequenter Weise die Herausgabe des bisweilen unregelmäßigen Periodikums "Ulmer Pilzflora". Im ersten Heft finden sich neben Manfred Enderle Aufsätze von Gudrun Dietl, G. Fischer und W. Gehrke, G.J. Krieglsteiner, H.E. Laux, G. Ottmann und J. Stangl.

Am 7. Dezember 1985 gab sich die AMU eine Satzung und wählte Adolf Klement zum Vorsitzenden. Manfred Enderle wurde Ehrenvorsitzender. Ein Hauptaugenmerk war auch weiterhin die floristische Erfassung der Ulmer Pilzflora, nunmehr ausgedehnt auf 16 Messtischblätter mit verantwortlichen Kartierungsleitern. 1980 waren 1235 Taxa im Ulmer Raum erfasst, 1986 waren es immerhin rund 1700 und bis jetzt –2001– sind sage und schreibe 2492 Arten, 61 niederrangige Taxa und 61 aus verschiedenen Gründen noch der Klärung harrende Aufsammlungen erfasst. Über 2600 Taxa! Es gibt keine Region in ganz Deutschland und –vielleicht von den Holländern abgesehen – kaum eine Region in ganz Europa, die besser pilzfloristisch bearbeitet wäre.

Der Verein würde sich mit dem schon erwähnten Periodikum "Ulmer Pilzflora" eine Krone aufsetzen, wenn er als Meilenstein der Zwischenbilanz die "Pilzflora des Ulmer Raums" mit Funddaten und, wo notwendig in Beschreibung und Bild, von allen bisher festgestellten Taxa in den 16 MTB's zum 25jährigen herausgeben könnte. Ob zu der Publikation eine Unterstützung der Regierungen beider beteiligter Bundesländer, Bayern und Baden- Württemberg möglich wäre, gilt es abzuklären. Sicher ist es eine Aufgabe, die auch vor dem Hintergrund der besseren Definition von FFH-Gebieten in der Europäischen Union zu sehen ist. Dies soll einerseits auf mögliche Wege der Förderung, andererseits aber auch auf die Vorbildfunktion der hier in 25 Jahren von allen Beteiligten in ehrenamtlicher Tätigkeit, mit viel Zeit und Geldaufwand, aber auch mit viel Freude und Überzeugung geleisteten Arbeit hinweisen.

Vielleicht renne ich eine offene Tür ein. Dann ist es für die Förderung aus EU-Mitteln via Landesregierungen schwieriger. Vielleicht gebe ich hier aber tatsächlich den entscheidenden Anstoß für die fällige Zusammenfassung Ihrer Arbeit, sowohl an die Adresse der Politik als auch an das Selbstbewusstsein des Vereins und seiner Führung gerichtet.

Ein anderes Thema, der Naturschutz, hat seit 1986 einen hervorragenden Platz im Verein und ist soweit ich orientiert bin, niedergeschriebener Satzungsbestandteil. Die Zeichen der Zeit erkennend war es vor allem German J. Krieglsteiner, der auf die Bedeutung des Umwelt- und Naturschutz einerseits und die Wechselwirkung mit dem Bestand der Pilzflora andererseits hinwies. Ich erinnere mich gut an eine Diskussion in dieser Zeit, wo eingefleischte Morphologen meinten, allzuviel Augenmerk auf den Naturschutz würde den Blick auf die Erforschung der einzelnen Arten und ihre Variabilität trüben oder zumindest etwas in den Hintergrund treten lassen. German und ich hielten damals polemisch dagegen: " was will man denn morphologisch erforschen, wenn es nicht mehr zu finden, schon ausgestorben ist?" Natürlich ist diese Frage überspitzt; gleichwohl ist es aber eine Tatsache, dass nach wie vor ein Vielfaches mehr an Arten pro Zeiteinheit stirbt, als die adaptive Evolution hervorbringen kann. Unter dem Strich kommt eine Verarmung der Artenvielfalt, eine Reduzierung der evolutionär notwendigen Biodiversität heraus. Das ist eine einfache Rechnung, die stimmt! Es ist zugleich ein Teufelskreis, den wir Menschen mit unseren immer kürzer werdenden Zeitmaßstäben nicht ermessen können und über dessen Tragweite für die weitere Entwicklung der Erde trefflich gestritten werden kann.

Eines ist jedoch sicher: In dem Maße, wie wir Biotop-Veränderungen vornehmen, verschieben wir Lebensräume. Wir schaffen durch Wegebau im Schwarzwald z. B. seit über 2000 Jahren ökologische Nischen zur Ausbreitung der glazialrelikten Grünerle. Ihre im natürlichen Verbreitungsgebiet der Alpen beheimateten Mykorrhiza-Pilze jedoch hat sie größtenteils als Partner verloren. Der Lebensraum für die Grünerle wurde also dank unseres Mobilitätsbedürfnisses erweitert. Der ihrer Pilze aber nicht. Über gut und schlecht könnte an dieser Stelle nur spekuliert werden.

Ein zweites ist genau so sicher: In dem Maße, wie wir Biotope beseitigen, Lebensräume teeren, betonieren oder überbauen, gehen sie verloren. Ein sich schlau fühlender Raumordnungspolitiker in meiner Region wettert immer gegen die grünen und roten Spinner mit ihrem Schlagwort vom Flächenverbrauch. Recht hat er: Kein Quadratmeter Deutscher Landesfläche ist verlorengegangen, also verbraucht worden; tausende Hektar werden aber täglich umgewandelt, überbaut, versiegelt, in Mastfutterbrachen überführt oder mit außerkontinentalen Bäumen bepflanzt und von diesem Landschaftsverbrauch will er in arroganter Weise ablenken.

Ein anderer Verbrauch ist der von Luft und Böden. Ich will hier nur kurz auf die gerade für uns Pilzfreunde und Mykologen so bedeutende Zunahme der Stickstoffbelastung eingehen. Auch hier sind Boden und Luft nicht eigentlich "verbraucht" worden; sie sind für viele Lebewesen aber unbrauchbar geworden und die Stickstoffbelastung begünstigt andere in einem Masse, dass sie die ursprüngliche Vielfalt überwuchern und mit ihrer biodiversen Einfalt ersetzen. Ein besonders drastisches Beispiel ist die sprunghafte Ausbreitung von Brombeerarten in den Wäldern. Ist die Zunahme an stengelzersetzenden Ascomyceten wirklich ein Ausgleich für das Fehlen ganzer Heerscharen von Schleierlingen, Täublingen, Milchlingen und anderen Mykorrhizapilzen in den überdüngten Wäldern?

Die Tatsache, dass wir mit wieder steigendem Fleischkonsum den Import von unter menschenverachtenden Arbeitsbedingungen außerkontinental produziertem Mastfutter fördern und damit für das Desaster selbst verantwortlich sind. Dass unsere Hunde- und Katzenpopulationen mit Fleischfutter nur vom Feinsten ein übriges dazu tun, sei zumindest am Rande gesagt.

Ich darf an dieser Stelle erwähnen, dass ich in der von mir seit fünf Jahren präsidierten J.E.C. einer europäischen Gesellschaft zur Erforschung und zum Schutz und Erhalt der Cortinarien, entscheidend mit dafür gesorgt habe, dass Umweltschutz auch auf europäischer Ebene in der Mykologie eine bedeutendere Rolle spielt und das die Mykologie dort gehört wird. Aktuell sind wir damit beschäftigt, eine ausgewählte Zahl von Pilzen im Anhang der Berner Konvention zum Artenschutz unterzubringen.

Auch von der Journées Européennes du Cortinaire überbringe ich die herzlichsten Glückwünsche.

Damit wieder zurück in das eigentliche Tagesgeschehen der AMU:

Nach zwei Vorstandsperioden von Herrn Klement übernahm Herr Gräser für acht Jahre die Vereinsführung, bis er vom heutigen Vorsitzenden Gerd Fischer, der jetzt, unterstützt von der 2. Vorsitzenden Helga Steiner, den Verein in der zweiten Wahlperiode führt, abgelöst wurde. Nur vier Vorsitzende in 25 Jahren, das spricht trotz aller notwendigen Auseinandersetzungen für eine hohe Kontinuität, ohne die die vielfältige Öffentlichkeitsarbeit im Dienste der Pilze ja auch nicht möglich gewesen wäre.

Öffentlichkeitsarbeit besonderer Art, nämlich systematische Forschung und die Berichte über deren Ergebnisse in unterschiedlichen Fachorganen hatten wir kontinuierlich von Manfred Enderle zu erwarten. Er hat zeitweise so konzentriert und unermüdlich gearbeitet, dass ich mich, als ich von der Geburt des Sohnes von Christine und Manfred hörte, spontan fragte: Ja wann hat er denn das auch noch gemacht?. Es muss überhaupt an dieser Stelle erwähnt werden, dass ohne die unermüdliche Unterstützung durch Christine Schnarbach, seit Mitte der 80er Christine Enderle, viele seiner Leistungen nicht möglich gewesen wären. Seine Frau Christine hat nicht nur viele Pilze gefunden, sie hat Ihn auch immer in seiner mykologischen Arbeit unterstützt, wohl wissend, dass diese Zeit von der knappen gemeinsamen Zeit abgeht.

In den insgesamt 25 Jahren AMU hat Manfred Enderle 106 Publikationen verfasst, und allein oder mit anderen Fachleuten gemeinsam publiziert. Darin sind 45 Neubeschreibungen oder systematische Bearbeitungen von Taxa mit klärendem und gültigem Wert enthalten. 45 Taxa, das ist mehr als ein Prozent der in der Bundesrepublik Deutschland registrierten Arten und Varietäten. Dabei muss betont werden, dass seine taxonomische Arbeit stets den Anspruch zur Klärung beizutragen in den Vordergrund stellte und keine Zeile "um des publizieren Willens" zu entdecken ist. 20, also knapp die Hälfte der Neubeschreibungen oder Bearbeitungen sind Pilze aus dem Ulmer Raum: Ein Grund mehr, diese Erkenntnisse in eine eigene "Pilzflora des Ulmer Raumes" einfließen zu lassen. Wenn übrigens seine bis jetzt 31 Beiträge zur Kenntnis der Ulmer Pilzflora mit Nr. 3 beginnen, das heißt jetzt bis zur Nr. 34 aufgelaufen sind, so liegt es daran, dass er seine Arbeit in nicht geringerer Kontinuität als der des mykologischen Denkmals Dr. Hans Haas verstanden hat. Haas hatte in den "Mitteilungen des Vereins für Naturwissenschaft und Mathematik Ulm" 22 (1942) und in den "Mitteilungen des Vereins für Naturwissenschaft und Mathematik Ulm" 27 (1965) Beiträge zur Kenntnis der Ulmer Gegend I und Beiträge zur Kenntnis der Pilzflora der Ulmer Gegend II publiziert. Mein Freund Dr. Hans Haas erfreut sich guter Gesundheit und wird am 4. 11. 97 Jahre alt. Vielleicht erlebt er noch die Pilzflora des Ulmer Raumes. Ich würde ihm Ihr Geschenk dann gerne persönlich überbringen.

23 Jahre lagen zwischen dem ersten und dem zweiten Beitrag. 14 Jahre später folgte der dritte Beitrag und von 1979 bis 2000, also in 21 Jahren folgten dann die weiteren 30 Beiträge aus Enderles Feder.

Sein Wirken wurde 1988 von der Deutschen Gesellschaft für Mykologie mit dem Adalbert-Ricken-Preis für Nachwuchsmykologen aus dem nicht universitären Bereich gewürdigt und kurze Zeit später erhielt er das Bundesverdienstkreuz am Bande. Seine wissenschaftliche Arbeit wurde neben Diplomkaufmann Anton Hausknecht aus Wien und anderen von neun promovierten oder habilitierten Wissenschaftlern aus vier europäischen Nationen und Professor Dr. Rolf Singer aus Chicago, USA teilweise in Co-Autorenschaft begleitet.

Dieser Tage wird in der renommierten "Österreichischen Zeitschrift für Pilzkunde" (man muss der Irmi mal stecken, dass es besser "Zeitschrift für Mykologie" heißen sollte) von Herrn Hausknecht die Conocybe enderlei, ein als selbstständige Art erkanntes Sammethäubchen zu Ehren von Manfred Enderle gültig publiziert werden.

Ich halte es fast schon für überfällig, dass Manfred Enderle von geeigneter Seite die Ehre eines Doktor honoris causa angetragen werden muss. Wenn es der Nachweis selbstständigen wissenschaftlichen Arbeitens mit dauerhaften, gesetzmässigen und reproduzierbaren Ergebnissen ist, was den Doktorhut ausmacht, dann hat er die Kriterien schon weit übererfüllt. Ich würde ihm und dem Verein gönnen, dass Überdurchschnittliches auch überdurchschnittliche Ehrung erfährt.

Der Verein, neben seiner unersetzlichen Ehefrau auch eine Stütze seiner Arbeit und ein Rückfluss der Zufriedenheit, wenn sich andere seiner überragenden Kenntnisse bedienen können und davon im Schneeballsystem profitieren, ist stark geworden. Mit derzeit 71 Mitgliedern zählt er zu den großen regionalen Arbeitsgemeinschaften der Deutschen Gesellschaft für Mykologie. In den 25 Vereinsjahren hat sich neben dem aktiven Vorstand ein ehrenwertes Dach aus den zwei Ehrenvorsitzenden Manfred Enderle und Walter Gräser (9 bzw. 8 Jahre Vorsitzender), sowie den Ehrenmitgliedern Gerd Dusolt (Stadtrat zu Ulm), German Krieglsteiner (Ehrenvorsitzender der DGfM), Adolf Klement (ehemaliger Vorsitzender) und Peter Handke (österreichischer Schriftsteller, in dessen Werk ich zu Beginn vor über 25 Jahren Einblick bekam) gebildet.

Ehrengäste und Freunde der AMU waren oder sind u. a. : Mein väterlicher Freund Dr. Hans Haas, Dr. Helmuth Schmid, Professor Dr. Wulfard Winterhoff, Johann Stangl+, Karl Partsch, Edmund Garnweidner, Heinz Engel, Ewald Kajan, German Krieglsteiner und viele andere. Enge Verbindungen bestehen zu anderen befassten Vereinen und Arbeitsgemeinschaften im In- und Ausland. Als ich vor wenigen Wochen an der Tagung des ECCF in Finnland teilnahm, konnte ich feststellen, dass den meisten der 25 Wissenschaftler aus 16 Ländern "die Ulmer" ein Begriff waren und ich konnte mich in meinem Kurzbericht über die gute "Infrastruktur der Amateurmykologen" in angenehmer Weise auch auf die vorbildliche Arbeit Ihres Vereins berufen. In diesem Sinne mag sich der Kreis schließen, in dem Sie mich als einen Freund Ihrer Arbeit und Förderer Ihrer Belange, soweit das meine Tätigkeit im Vorstand der DGfM betrifft, sehen können.

Ich danke Ihnen für die Aufmerksamkeit.