Gedächtnis - Protokoll Meine Flucht aus Koenigsberg - Ostpreussen

 

Es war im Januar 1945 in Charlottenberg einem kleinen Vorort von Koenigsberg

- meinem  Zuhause -

Unsere Familie,  Großvater, Großmutter, Mutter und wir drei Kinder, saßen um den Esstisch und waren beim Mittagessen, als wir aus der Ferne lautes Maschinengewehrfeuer hörten.

Unser Nachbar stürmte herein und artikulierte mit wilden Gesten

" Die Russen kommen, sie sind nur noch ein paar Meilen entfernt  Sie stehen bereits bei Tannenwalde“.

Wir sollten uns sofort nach  Koenigsberg aufmachen, alles stehen und liegen lassen - sogar die Teller auf dem Tisch.

Draußen schneite es heftig.

Wir packten 2 Schlitten. Auf den einen setzte der Großvater  meine kranke Großmutter (sie war erst kurz zuvor an Brustkrebs erkrankt und operiert worden) und auf den anderen Schlitten unser notdürftig zusammengerafftes Gepäck, sowie obenauf meine 4-jährige Schwester Gisela.

Meine 6-jährige Schwester Ursula und ich, damals auch erst 8 Jahre alt, mussten den über 2 Kilometer langen Weg in die Stadt zu Fuß bewältigen. Die Nachbarn hatten auch ihren Schlitten gepackt. So zog unser Treck nach Koenigsberg.

 

Viele Einwohner aus Koenigsberg hatten bereits ihre Wohnungen verlassen, ein Großteil der Haeuser war nach zwei verheerenden Luftangriffen im Spaetsommer 1944 zerstoert. Wir fanden eine leer stehende Wohnung auf den Hufen, Mozart Strasse 34.

 

Doch auch diese war nicht sicher. Die Luftangriffe auf Koenigsberg dauerten an, deutsche Flak schoss

Speerfeuer. So blieb man in der Wohnung und traute sich kaum auf die Strasse.

Eines Abends gab es  einen lauten  Tumult in einer Wohnung im gleichen Haus. Mein Grossvater stuerzte aus der Wohnung, um zu sehen was geschehen war.Ein Geschoss hatte die Wand des Hauses durchschlagen und traf die Mutter, die am Tisch mit ihren Kindern gerade Abendbrot ass. Es riss ihr die Schaedeldecke ab, sodass ihr Hirn durch  die Gegend spritzte. Das Baby, das die Mutter auf dem Schoss hatte, kam ohne Schaden davon, aber die Mutter war tot und hinterliess 6 Waisenkinder.

Am 31. Januar 1945 schloss die Sowjetarmee den Ring um die "Festung Königsberg". Deutschen Truppen gelang es einen Korridor nach Pillau freizukämpfen. Auf der so genannten "Straße des Todes" konnte ein Großteil der Bevölkerung Ostpreußens entkommen.

Familien mit Kindern wurden gedrängt sich nach Pillau aufzumachen. Die kleine, verschneite Seestadt Pillau mit 5 000 Einwohnern schwoll buchstäblich über Nacht auf das Zehnfache an.

Mein Großvater wurde mit seinen 59 Jahren noch in den Volkssturm eingezogen, er rekrutierte sich aus der männlichen Bevölkerung im Alter von 16 Jahren bis zum Scheintoten.Der letzte Versuch des Hilterregimes, dem russischen Ansturm noch eine letzte Verteidigung entgegen zu stellen. So durfte der Großvater uns auf der Flucht nicht weiter begleiten.

Alte, kranke und gebrechliche Menschen, die Hilfe benötigten, wurden auf Pferdefuhrwerken zum Fluss Pregel gefahren. Weil meine Oma so krank war, holte auch uns ein Fuhrwerk ab. Ich hoere meine Oma noch, wie sie ganz traurig sagte: " Auf Wiedersehen Koenigsberg, dich sehe ich nie mehr wieder!" Am Fluss bestiegen wir einen offenen Kohlenkahn. Es schneite und meine Mutter breitete eine Decke ueber uns aus, damit wir nicht so nass wurden.

Spaet am Abend kamen wir in Pillau an. Es war dunkel und man fand keine Unterkunft. Wir verbrachten die Nacht in einem Treppenhaus und am Morgen erhielten wir fuer unsere Familie ein Zimmer in einer Wohnung.

Lebensmittel wurden in Rationen ausgegeben - eine Art Fischsuppe aus der Gulaschkanone.  Sie schmeckte so schlecht, dass meine Oma nichts mehr essen wollte  Sie wurde immer schwaecher. Einige Tage später, wurden wir auf ein kleines Flugsicherungsboot gebracht, das von der deutschen Armee zur Verfügung gestellt wurde. Dort hatten wir eine Kabine, aber die See war rau und alle wurden seekrank.

Dieses Schiff brachte uns von Pillau nach Danzig-Neufahrwasser. Dort wurden wir in einem großem Warenlager untergebracht.  Die Halle war kalt, der kleine Ofen schaffte es nicht die zugige Halle zu heizen.

Der Boden, mit Heu ausgelegt, diente den Leuten als Schlafstätte.

Meine Mutter hatte Angst vor Läusen, so saßen wir die Nacht auf der Bank. Großmutter litt inzwischen, wie viele andere Flüchtlinge auch, unter Durchfall. Irgendwann ging es weiter in einer Eisenbahn -  In Viehwaggons fuhren wir mehrere Stunden von Danzig-Neufahrwasser nach Gotenhafen, obwohl es nur eine kurze Strecke war. Es gab keine Sanitären Anlagen in den Waggons, ein fuerchterlicher Gestank war das Resultat. Meine Mutter holte eine Schuessel aus ihrem Gepaeck und wir nutzten diese zum Austreten. Das Resultat wurde dann durch den Tuerspalt ausgekippt.

Spät in der Nacht kamen wir in Gotenhafen an. Dort wurden wir in einem zerbombten Schulgebäude einquartiert. Die Treppenhäuser waren zerstört, als Ersatz gab es eine provisorische Holztreppe. Die Schulmöbel waren ausgeräumt. So wurden wir mit mehreren Familien in einem Klassenzimmern untergebracht und schliefen auf dem Fussboden.

Großmutter wurde diese Tage noch schwaecher. Es gelang ihr nicht mehr das Treppenhaus hinaufzusteigen. Daraufhin brachte man sie ins Armeekrankenhaus,  wo sie am 4 Maerz 45 verstarb. Mutter bereitete die Bestattung  vor, aber am Tag  der Beerdigung wurden wir weitertransportiert.

Wir erhielten die Nachricht im Hafen laege ein Schiff um Flüchtlinge über die Ostsee in Richtung Lübeck oder Kiel " Heim ins Reich " zu evakuieren.

Vom Schulgebäude bis zum Hafen waren es nur wenige  Minuten Fußmarsch. Doch als wir ankamen, spürten wir weder Haende noch Fuesse. Es war bitterkalt an diesem Tag. Obwohl wir mehrere Kleidungsstücke übereinander angezogen hatten, froren wir. Ursula und ich trugen einen kleine Rucksack, Gisela eine Milchkanne gefüllt mit Zucker.

Jeder von uns hatte eine Umhaengetasche, die meine Mutter aus Kuechenhandtuechern vor der Flucht genaeht hatte. Darin waren unsere wichtigen Papiere und Familienbilder, damit wir uns ausweisen konnten für den Fall, dass wir getrennt würden. Dies wurde fast wahr. Soldaten hatten uns Kinder bereits an Bord genommen, aber unsere Mutter, die 2 Koffer trug, konnte uns durch die Menschenmassen so schnell nicht folgen. Wir Kinder begannen zu schreien und die Soldaten halfen unserer Mutter aufs Schiff. Auf dem Schiff angekommen mussten wir nun viele Stufen hinunter klettern und wurden unten im Laderaum einquartiert.  Wir legten uns dort auf unsere Koffer.

Die Potsdam trug außer den Flüchtlingen auch viele verletzte Soldaten. An Bord war jeder Quadratmeter mit Menschen belegt.

 

 

 

Die Überfahrt dauerte eine endlose Zeit, wir aßen unser mitgebrachtes Zuckerbrot. Ob es sonst noch etwas zu essen gab, ist mir entfallen. Die Potsdam lief den Hafen von Kopenhagen in Dänemark an, der zu dieser Zeit noch unter deutscher Besatzung stand. Von dort wurden wir per Bahn und Fährboot zur Insel Juetland gefahren. Die Lateinschule in Koldings Innenstadt war ab jetzt unsere neue Unterkunft.

Bevor Deutschland am 8 Mai 1945 kapitulierte, konnten wir uns in Dänemark frei bewegen. Mutti konnte ihre Reichsmark gegen Kronen umtauschen und damit einkaufen gehen.

Wir hörten aber auch die ersten Flüche gegen uns:

Tysken  Swinehund.

Unsere Familie wurde in der Sporthalle des Gymnasiums mit mindestens 100 anderen Leuten untergebracht.

Die Schlafstätten bestanden aus  dreistoeckigen Betten. Strohsaecke dienten als Matratzen und jede Person bekam eine Armeedecke.

Es gab immer eine Menge Geraeusche und das Licht brannte auch bei Nacht. Neben meiner Koje im nächsten Gang war ein einstoeckiges Bett und das hatte eine Mutter mit ihrem Baby. Es wimmerte Tag und Nacht, doch plötzlich war es ruhig. Die Mutter hatte keine Milch mehr um ihr Baby zu stillen, es verhungerte.

Für Flüchtlinge und Soldaten gab es Essen aus der Gulaschkanone, aber meine Mutti kaufte Brot, Eier, Milch und Butter ein. In der Feldküche konnte man hin und wieder selbst kochen.

Viele Menschen waren aber so geschwaecht, dass sie krank wurden. Diphterie brach aus und eine Menge Leute starben. Meine Nachbarin „Hilda Neumann" aus Charlottenburg, damals 23 Jahre, bekam Diptheria und verstarb innerhalb weniger Tage im Militärhospital.

Wir Kinder wurden auch krank, meine jüngste Schwester bekam die Masern, Ursula und ich steckten uns an, dann zogen wir uns noch eine Mittelohrentzündung zu. Meine Mutter trug uns eins nach dem anderen zum deutschen Armee-Krankenhaus, in dem wir behandelt wurden. Sie kaufte Eier, Milch, Butter und Brot und stopfte die Nahrung praktisch in uns hinein, weil wir vor Schwaeche nicht mehr selbst essen mochten. Schließlich ging es uns besser. Gesund genug um nach der Kapitulation den Marsch ins Internierungslager mit unserm Gepaeck auszuhalten.

Nach dem 8. Mai 1945, dem Tag  der deutschen Kapitulation, wurden wir ins Flüchtlingslager Kolding Tvedveg II gebracht. Es war ein langer Fußmarsch.

Mit drei anderen Familien kamen wir in die Baracke „Tobruck“, später umbenannt in „Breslau"  In den Baracken war vorher Deutsches Wehrmachtspersonal stationiert.

Jede Familie erhielt eine Ecke des Raumes. Wir hatten jetzt  zwei dreistoeckige Betten und dazwischen ein Gang. Das war unsere Wohnung. Ursel und ich schliefen oben, waehrend meine Mutti und Gisela unten schliefen. In den mittleren Betten brachten wir unsere Habseligkeiten unter. Für jede Familie stand ein Tisch mit vier Schemeln  vor den Betten.

Bald nachdem wir ankamen erkrankten wir an Windpocken und wir verbrachten wieder eine Zeit lang im Bett, es gab nichts um den Juckreiz zu lindern. Es gab kein Bad oder warmes Wasser zum Waschen.

Das Lager durch Stacheldrahtdoppeltzaun umgeben, wurde von dänischen Wachleuten patrouilliert.

Jetzt waren wir Gefangene.

In der zentralen Küche wurde von allen Frauen gekocht, sie wechselten sich im Küchendienst ab. Jeden Morgen gab es heißen Tee. Meine Mutter holte ihn in einer grossen Kanne ab. Wir tranken ihn und verwendeten ihn auch, um uns zu waschen, weil es sonst kein heißes Wasser gab.

Den monotonen Speiseplan einer Woche:

Milch-Suppe am Montag
Gemüse-Suppe am Dienstag
Erbsen-Suppe am Mittwoch
Fisch-Suppe am Freitag

Pellkartoffeln am Samstag und vielleicht ein Stück Salzhering dazu.

Diese Ration musste auch für den Sonntag reichen.

Zweimal die Woche gab es  kalte Verpflegung. Jeder bekam ein Stueck Brot, etwas Kaese, Salami oder Leberwurst, Margarine, Zucker, und Haferflocken. Kinder bekamen bis zum fuenften Geburtstag jeden Tag etwas Milch. Niemals gab es Eier, oder Obst.

Das einzige extra  Gemuese  organisierten die Frauen, wenn sie Kuechendienst hatten und fuer die Kinder ein paar rohe Karotten mitbrachten.

Die blaue Milchsuppe am Montag war das Uebelste. Hieran habe ich die schlimmsten Erinnerungen. Man wurde nie satt, denn die naechste Verpflegung gab es erst am Dienstag. Um die Suppe zu strecken nahmen wir 2 Gabeln und machten Schlagsahne daraus. Das fuellte den Magen besser, führte aber zu unheimlichen Blaehungen.

Nahe dem Zaun wohnte eine daenische Familie. Nun war es aber den Dänen nicht erlaubt mit den Deutschen Fluechtlingen Kontakt aufzunehmen. Aber ab und an warf uns die Familie Fallobst von ihren Aepfelbaeumen ueber den Zaun. So standen wir Kinder erwartungsvoll am Zaun und schauten in ihre Richtung, immer in der Hoffnung, dass ein paar Aepfel herüber geworfen würden.

Das war vielleicht ein Genuss!!

Unser Geschirr bestand aus alten Aluminiumtellern - Hinterlassenschaften der Armee.

Meine Mutti hatte fuer jeden von uns ein Besteck eingepackt. Sie hatte auch ein Brotmesser und eine Schere, sowie Haekel - und Stricknadeln in ihrem Gepaeck. Sogar ihr Buegeleisen hatte sie dabei. Dieses musste sie immer vor den Kontrollgängen der Daenen verstecken, denn alle elektrischen Geraete wurden sofort beschlagnahmt.

Die Halle neben der Küche diente als Allzweckraum. Samstagabend wurde sie zum Tanzsaal, sonntags zur Kirche und anschließend zur Sonntagsschule, während der Woche war es unser Schulhaus.

Bunte Abende veranstaltete man dort genauso wie die gefuerchteten Impfungen, gegen Typhus, Diphtherie, Kinderlaehmung und  Tuberculose.

Unsere erste Weihnacht entfernt von unserer Heimat verbrachten wir in Kolding.

Irgendwoher organisierten die Frauen einen grossen Weihnachtsbaum, der im Gang der Baracke aufgestellt wurde. Wir Kinder verzierten ihn mit mit Papierschlangen, Silberpapier von Zigarettenschachteln und Schneeflocken aus Watte. Alle Familien kamen aus ihren Räumen. So standen wir unter dem Baum und sangen Weihnachtslieder.

Unsere Familie empfing auch einen Cadbury Schokoriegel mit ihrer Kaltverpflegung in der Weihnachtswoche.

Im Herbst  1946 wurde unser Lager in Kolding aufgelöst und wir wurden mit dem Zug nach Skallerup/Klit transportiert. Skallerup befindet sich an der Nordspitze von Juetland. Wieder war unser Lager durch einen hohen Stacheldrahtzaun umgeben. Wir konnten die Nordsee zwar sehen und hören, aber wir waren nie in der Lage an den Strand zu gehen.

Unser Lager befand sich auf den Dünen und wir wurden in den kleinen Holzbuden, die eigentlich als Ferienhäuser gedacht waren, untergebracht. Sechs Familien wurden in einem Häuschen untergebracht. Hier erlebten wir den kältesten Winter des 20. Jahrhunderts. Es war unmoeglich dieses Haeuschen mit dem kleinen Ofen warm zu halten. Wir blieben daher lange Zeit in den Betten um uns warm zu halten. In dieser Zeit gab es keinen  Schulunterricht.

Inzwischen war ich aus meinen Kleidern herausgewachsen, diese wurden jetzt von meinen kleinen Geschwistern aufgetragen. Mutter nahm eine der Armeedecken und fertigte daraus einen Wintermantel und eine Hose für mich.

Auch die Pullover, die nun zu klein waren wurden aufgeraeufelt und neu gestrickt Die Frauen wurden sehr erfinderisch.

Beispielweise wurden ihnen Damenbinden zugeteilt. Die Huellen der Damenbinden bestanden aus einem Baumwollnetz, dieses wurde aufgewickelt und zum stricken von Socken und Pullovern verwendet. Als Stricknadeln dienten alte Fahrradspeichen.

Bald lag alles Stroh lose auf den Betten, aus dem Sackmaterial wurden Taschen,  Hausschuhe und Buchhuellen angefertigt. Schuhe gab es keine in diesem Winter.

Um die Haeuser zu heizen, mussten die Frauen Torf stechen. Es wurde in großen Eimern aus dem Sumpf ins Lager geholt. Aus den Dünen ausgegrabene Wurzeln wurden ebenfalls verheizt. Die Häuser waren ohne sanitäre Einrichtungen. Die Notdurft musste in einer hoelzernen Halle verrichtet werden. Ueber einer Grube war ein Balken gelegt worden auf den man sich setzte, die Ausscheidungen fielen in die Grube und wurden abgeleitet. Im Winter musste man den Balken abklopfen um ihn benutzen zu können. Wir Kinder nannten ihn „Donnerbalken", aber in kalten Naechten ging niemand raus, sondern benutze seinen Patscheimer am Bett, der dann am Morgen geleert wurde.

Das Wasser musste auch in Eimern von einer Waschkueche geholt werden. Baden und Duschen kannte man fuer lange Zeit nicht, man behalf sich mit einer Katzenwaesche. Wollte man sich ungestoert ausziehen, verhaengte man seine Ecke, so blieb wenigstens ein bisschen Privatsphäre.

Zweites Weihnachten in Skallerup:

Ich erhielt dieses Jahr mehr Geschenke, eine Zahnbürste und einen Bleistift Nr. 3.

Jetzt  konnte ich endlich meine Zähne putzen, wenn auch ohne Zahnpasta und dieser Bleistift begleitete mich von nun an jeden Tag, er reichte für die restliche Zeit im Lager.

Unsere Schulausbildung war sehr primitiv - aber wir lernten! Es gab kaum Schulbuecher. Wir bekamen Mathematikbuecher, anhand deren wir lange Zahlenreihen addieren und multiplizieren lernten.

Fuer Schoenschriftuebungen erhielt man auch ein gutes Heft mit Federhalter und Tinte. Aber das meiste wurde auf Toilettenpapier geschrieben. Es war ein gelbliches Seidenpapier, darauf machten wir die Schularbeiten.

Es gab ein deutsches Liederbuch, ein Gesangbuch und auch einen Katechismus, extra gedruckt fuer die Fluechtlinge in Daenemark.

Die wenigen Lesebuecher mussten mit andern Schuelern geteilt werden und wurden nur waehrend des Unterrichts benutzt. Die Lehrer unterrichteten viel aus ihrem Gedaechtnis. Was an die Tafel geschrieben wurde, schrieben wir in unsere Hefte ab.

Im Fruehling wurde ein Duschraum in Skallerup aufgemacht und jeder  durfte dort einmal in der Woche in schoenem, warmem Wasser duschen und auch die Sauna benutzen. Darauf freuten wir uns immer.

Durch den Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes fanden viele Familien ihre Angehoerigen in Deutschland wieder. Ihnen wurde die Ausreise gewährt. Folglich wurden die Lager leerer, zusammengelegt oder geschlossen.

Meiner Mutter erhielt die Nachricht vom Tode ihres Vaters. Großvater war in russische Kriegsgefangenschaft geraten und verstorben. Vater wurde ebenfalls von den Russen in Kriegsgefangenschaft genommen. Diese Nachricht bekamen wir von meinem Onkel Willy, an den meine Mutti geschrieben hatte, denn Onkel Willy lebte mit seiner Familie in Sueddeutschland. Viele Verwandte, die aus Ostpreussen gefluechtet waren, hatten schon Zuflucht bei ihm gefunden.

So gab es keinen  Platz für uns in Deutschland und Mutter wollte keinen fremden Leuten zur Last fallen. Wir hatten so gehofft in unsere Heimat zurückkehren zu können. Koenigsberg jedoch war durch das Potsdamer Abkommen an Russland gefallen.

Die dort noch lebenden Deutschen wurden nach Sibirien verschleppt oder vertrieben.

So warteten wir in Dänemark, bis die Lager im Oktober 1948 aufgelöst waren. Als Skallerup geschlossen war, gingen wir erst nach Rye, dann nach Grove und zuletzt ins Lager Oxboel.

Für die restlichen noch in Dänemark vorhandenen Flüchtlinge wurde die französische Besatzungszone als Zuzugszone ausgewählt.

Unser Leben in den Lagern war nicht leicht. Wir vermissten unsere Freiheit. Wir vermissten den Besitz eigenen Geldes, um damit kaufen zu können, was man wollte oder selbst zu bestimmen, was auf den Tisch kommt.

Wir vermissten unser eigenes Zimmer. Oft hoerten wir unsere Mutti sagen:  „Wenn wir nur ein Zimmer fuer uns alleine haetten, geschweige denn eine ganze Wohnung mit Zentralheizung und fliessend  Wasser mit Bad“. An solch einen Luxus konnte man gar nicht denken.

Ich wusste nie, was eine Banane ist oder wie sie schmeckt, erst viel später habe ich dies erlebt.

Jedoch gab es auch glückliche Tage. Mutter hatte viel Zeit für uns Kinder. Sie brachte uns bei zu stricken und zu nähen. Später hatten wir Zugang zur Bibliothek und Mutter las uns viele Bücher vor. Wir bastelten uns aus alten Pappkartons unsere eigenen Gesellschaftsspiele wie Dame, Mühle und Schwarzer Peter. Mutter half uns bei den Schularbeiten und spornte uns an viel zu lernen, sodass wir, wenn wir nach Deutschland zurueckkaemen, mit den Schulkameraden gut mitkaemen. Wir haben wirklich alle gut in der Schule abgeschnitten.

Später  erhielten wir „Care Pakete" aus den USA und  von meinem Onkel Alfred kamen Pakete aus Kanada mit Kleidung und Lebensmitteln. Die waren eine große Hilfe in dieser Zeit.

Für die daenische Bevoelkerung war es in der Nachkriegszeit nicht einfach die Flüchtlinge mit allem zu versorgen, denn sie hatten doch selbst unter den Folgen des zweiten Weltkrieges zu leiden. Wir wissen die Leistungen der Dänen zu schätzen.

Letztendlich erreichten wir im Dezember 1948 unseren endgültigen Bestimmungsort  „Tuttlingen".  Im Juni 1949 wurde

mein Vater aus der Kriegsgefangenschaft entlassen und unsere Familie war in der Lage, sich eine neue Existenz aufzubauen.

Ingrid Schellentrager; geb. Priebe

Anmerkung:

In Skallerup existiert jetzt ein Fluechtlingsmuseum mit einer Ausstellung, wie wir als Fluechtlinge dort gelebt haben. Es sind dort auch Bilder und Gegenstände unserer Familie, die wir noch aus der Lagerzeit besassen.